Hätten sich Ökonomen nicht eingemischt, wären wir zwanzig Jahre weiter“

Ökonom Steve Keen

Die Voraussage, dass steigende Konzentrationen von klimarelevanten Spurengasen wie CO2 und Methan in der Atmosphäre die Erde wärmer machen werden, machte schon 1859 der irische Physiker John Tyndall. Er hatte nämlich herausgefunden, dass Kohlendioxid die infrarote Wärmestrahlung absorbiert. 1895 berechnete dann der spätere Chemie-Nobelpreisträger Svante Arrhenius einen linearen Zusammenhang: Verdoppelt sich der CO2-Anteil in der Atmosphäre, steigt die globale Durchschnittstemperatur um zwei bis sechs Grad Celsius an. In den 1970er-Jahren wurde diese Voraussage dann mit der steigenden Emission von CO2 relevant, und die US-amerikanische National Academy of Sciences warnte als erste grosse Forschervereinigung vor diesem menschengemachten Treibhauseffekt und bezifferte den Effekt einer CO2-Verdopplung auf +1,5 bis +4,5 °C. Dieser Bericht ging als „Charney Report“ in die Geschichte der Klimaforschung ein, benannt nach dem Chairman einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich bereits damals mit ersten Modellen für den Zusammenhang von CO2und dem Klima beschäftigten. Der Bericht trug den Titel Carbon Dioxide and Climate: A Scientific Assessment (Kohlendioxid und das Klima: Eine wissenschaftliche Einschätzung) und hat die globale Temperaturveränderung vierzig Jahre später erstaunlich präzise vorhergesagt.

Was sagen die aktuellen Klimamodelle über die Ursachen des Klimawandels aus? Der Zusammenhang ist nun für Klimaforscher so gut wie 100% klar: Modelle, die die gemessene Erhöhung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre berücksichtigen, bilden die Entwicklungen des Klimas in den letzten Jahrzehnte sehr gut ab, die Korrelation zwischen der CO2 Emission und der Temperaturerhöhung ist hoch signifikant. Benutzen sie dagegen Modelle, in denen die CO2-Konzentration fehlt, zeigt sich nur eine eher geringe Übereinstimmung. Die globalen Erdoberflächentemperaturen steigen also tatsächlich mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit (in der Wissenschaft gibt es nie 100%-ige Sicherheit) aufgrund der von uns in die Atmosphäre emittierten Gase. Zu perfekt zu den weltweit gemessenen Daten passen die entsprechenden Klimamodelle, um dies abzulehnen, wie dies Klimaskeptiker mit angeblichen Alternativgründen immer wieder tun (die allesamt auch schon wissenschaftlich untersucht und wiederlegt wurden). Eine wichtige Frage ist dabei: Ist die Beziehung zwischen der Konzentration an atmosphärischen Treibhausgasen und der durchschnittlichen globalen Temperatur wirklich so linear, wie wir in den letzten Jahrzehnten gemessen haben? Können uns also darauf verlassen, dass mit einer (bald erreichten) Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre die Temperatur „nur“ ca. 1,5 bis 4,5 °C zunimmt? Die Antwort ist klar: Nein. Aufgrund verschiedener Rückkopplungseffekt gehen die meisten Klimamodelle bei höheren CO2-Levels auf einen nicht-linearen Zusammen aus, was eine weitaus stärkere Temperaturzunahme bei weiterer CO2 -Zunahme bedeuten könnte.

Um die zu veranschaulichen: Rückkopplungen sind Effekte, deren Auftreten bedeutete, dass sie anstatt linear durch das System zu laufen wieder ins System zurückkehren, so dass sie eben nicht linear sondern quadratisch oder gar kubisch wirken. Zudem können sich die für das Klima relevanten Grössen auch schlagartig aufschaukeln. Dann wären noch einmal deutlich höhere Durchschnittstemperaturen auf der Erde zu erwarten. Betrachten wir zwei Beispiele für nichtlineare Zusammenhänge:

  • Mit der globalen Temperaturerhöhung steigt der Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre, auch werden die in der Arktis und im Norden Russlands eingefrorenen Methangase freigesetzt. In beiden Fällen verstärkt sich der klimaverändernde Treibhauseffekt plötzlich sehr erheblich, und damit alles andere als linear mit der Erhöhung der Treibhausgase.
  • Die Ozeane spielen im weltweiten CO2-Kreislauf eine wichtige bis entscheidende Rolle. Gegenwärtig sind im Ozean mehr als die Hälfte des jährlich durch den Menschen produzierten CO2s für lange Zeit gespeichert. Je höher jedoch die Temperatur des Meerwassers, desto weniger CO2 löst sich in ihm. Die damit verbundene CO2-Freisetzung aus den Meeren bewirkt eine nicht-lineare Verstärkung des Treibhauseffektes und damit eine weitere Erwärmung. Es kann also sein, dass uns die vorhergesagte Erderwärmung um einige wenige Grad Celsius in einer falschen Sicherheit wiegt, wenn die Weltmeere in Bezug auf ihre CO2 Einnahme plötzlich anders als bisher reagieren.

Ein Beispiel dafür, dass auch Klimaforscher immer wieder von der Dramatik der Ereignisse überrascht werden, zeigt eine neue Entwicklung in der Klimaforschung. Bisher ging man davon aus, dass lokale Wetterdaten ein zu grosses „Rauschen“ erzeugen, um in ihnen einen eindeutigen Fingerabdruck des Klimawandels zu entdecken – deshalb macht es ja auch keinen Sinn, angesichts eines besonders heissen Frühlingstages zu sagen: „Das ist der Klimawandel!“ Andersherum ist zum Beispiel der Kälteeinbruch in Utah 2019, als an einem Oktobertag -37 °C gemessen wurden, auch kein Argument dafür, dass es den Klimawandel gar nicht gibt. Doch Anfang 2020 wiesen Klimaforscher von der ETH Zürich jedoch in einer aufsehenerregenden Publikation nach, dass mittlerweile der Klimawandel in den täglichen Wetterdaten aus der ganzen Welt eindeutig erkennbar ist. Dazu bildeten sie aus unzähligen lokalen Wetterdaten Werte für das globale Wetter – sozusagen die globale Wetter-Summe, und das für jeden Tag der letzten Jahre. Sie waren völlig perplex, dass sich an diesen Wetter-Summen die Erderwärmung für jeden einzelnen Tag direkt ablesen liess: Im Vergleich mit den globalen Wettersummen aus dem Zeitraum 1951 bis 1980 war mit 97,5 Prozent Konfidenz seit dem Frühjahr 2012 jeder Tag auf unserem Planeten zu heiss gewesen. Es sind nicht einzelne lokale Wetterextreme, die den Klimawandel ausmachen. Betracht man jedoch die globalen Wetterdaten, so hat es seit 2012 keinen einzigen Tag mehr gegeben, an dem das gesamt Welt-Wetter von der globalen Erwärmung unbeeinflusst gewesen ist.

Seit 60 Jahren warnen Klimawissenschaftler vor dem Klimawandel. Seit 60 Jahren werden sie mehr oder weniger ignoriert. Warum haben Regierungen haben so etwas wichtiges wie den Klimawandel jahrzehntelang unterschätzt? Neben dem starken Einfluss von Ölfirmen (in den USA) gibt es einen weiteren erwähnenswerten Grund. Politiker lassen sich vor allem von Wirtschaftswissenschaftlern beraten, so der australische Ökonom Steve Keen (was sich auch ohne Keen leicht erkennen lässt). Kennt man Physiker oder gar Wetterexperten als zentrale Berater von Politikern? Es existieren Hunderttausende exzellente Fachartikel von Klimawissenschaftlern. Aber wenn man sich anschaut, wen die Regierungen in ihren eigenen Arbeiten zum Klimawandel zitiert, dann sind es zu zwei Drittel Artikel von Wirtschaftswissenschaftlern, von denen es nicht mehr als einige wenige hundert Publikationen gibt, und zu weniger als einem Drittel die Fachartikel von Naturwissenschaftlern. Doch dort, wo die Ökonomen nobelpreiswürdige Forschungsarbeiten zu erkennen glauben, sieht Keen lächerliche Annahmen in ihren Arbeiten, die den Regierungen der Welt gerade recht kamen, um nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen. So sind nach Keen Ökonomen in der Klimakrise Teil des Problems.[1] Und nach dem berühmten Klimawissenschaftler und Aktivisten James Hansen sollen wir den Klimawandel wie einen herannahenden Meteoriten behandeln, nicht wie die Neoklassiker der Wirtschaft sagen wie einen nahenden Urlaub im Mittelmeer.

[1] https://krautreporter.de/4041-klimakrise-hatten-sich-okonomen-nicht-eingemischt-waren-wir-zwanzig-jahre-weiter

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Nicole Bachmann
    August 4, 2022 9:28 pm

    Vielen Dank für diesen engagierten Beitrag, der mir wieder Aspekte dieser katastrophalen Entwicklung klar gemacht hat, die mir nicht bekannt waren.

    Antworten
  • Bernd Ehlert
    August 5, 2022 9:52 am

    „Hätten sich Ökonomen nicht eingemischt, wären wir zwanzig Jahre weiter“
    Ein typischer Fall von „hätte, hätte, Fahrradkette“. Hätte es die undemokratische Kräfte vor ca. 100 Jahren nicht gegeben, wären uns die beiden Urkatastrophen des 20. Jahrhunderts mit über 60 Millionen Toten erspart geblieben. So ein realitätsfremdes Wunschdenken hilft leider nicht weiter. Ganz im Gegenteil weisen die Impfgegner daraufhin, was im Fall des Klimawandels noch für Widerstände zu erwarten sind, wenn die Maßnahmen gegen den Klimawandel erst richtig konkret werden und weh tun.

    Dabei weist der Fall mit den Ökonomen beim Klimawandel schon auf die eigentlichen Ursachen hin, denn die liegen im Verhalten, genauer gesagt in der Natur des Menschen. Um die Probleme wie den Klimawandel richtig einordnen zu können, bedarf es einer entsprechenden Theorie, und zwar einer Theorie, die die Gesamtentwicklung des Menschen umfasst, so dass darin auch seine Natur enthalten ist. Einen solchen Anspruch besitzen zumindest die religiösen Theorien, also etwa die christliche Theologie – und nach der versuchen tatsächlich bis heute viele Menschen unter dem Schlagwort „Erhalt der Schöpfung“ auch die aktuellen Probleme zu lösen. Und sie sagen dann ebenfalls sinngemäß: Hätten alle Menschen einen gesunden Gottesglauben, würde es diese Probleme wie den Klimawandel nicht geben.

    Eine besser geeignete Theorie ist die der Evolution von Darwin, der nach der Mensch nicht göttlichen sondern animalischen Ursprungs ist und so ein animalisches, genetisch verankertes Erbe auch in seinem Verhalten besitzt. Doch schon die Erkenntnis dieser Theorie, dass der Mensch physisch vom Tier und Affen abstammen soll, war eine große Zumutung und Kränkung. Dass der Mensch aber bis heute in seinem Verhalten nicht nur von seinem genetisch verankerten animalischen Erbe beeinflusst, sondern den Worten des Evolutionsbiologen Edward O. Wilson nach gar „gesteuert“ werden soll, das ist unvorstellbar und endgültig zu viel der Kränkung. Mit diesem Ansatz ist Wilson selbst in der Evolutionsbiologie gescheitert (wobei die gängige Evolutionsbiologie die aktuelle, so rasante Entwicklung des Menschen nicht als weitergehende Evolution verstehen oder überhaupt erkennen kann)!

    Vom Verständnis dieses so sehr kränkenden Ansatzes von Wilson her erkennen wir daher nicht die eigentlichen Ursachen der heutigen Probleme, sondern weisen sie uns einfach gegenseitig zu (die Ökonomen, die Klimaleugner, die Autokraten usw.) und glauben, dass die Lösung dieser Probleme nicht etwas mit unserem gottgleichen Selbstverständnis zu tun hat, sondern eher rein technischer Art ist.

    So kann der Mensch weiterhin die Probleme seiner weitergehenden Evolution nicht über die ihm exklusiv zukommende Eigenschaft des Geistes mit Hilfe einer entsprechenden Theorie antizipieren und auf diese geistige Weise elegant und human lösen, sondern die evolutionäre Weiterentwicklung geschieht genau wie vor einhundert Jahren auf animalische Weise über entsprechende Katastrophen. Nur dass die drohenden Katastrophen wie im Fall des Klimawandels, des Artensterbens, der Auseinandersetzungen mit den heutigen Massenvernichtungswaffen usw. unvergleichlich größer sind als noch vor einhundert Jahren. Führt das dazu, das eigene Selbstverständnis einmal in Frage zu stellen und geistig flexibler nach objektiv wahren Theorien zu suchen, mit denen die aktuelle Entwicklung erklärt und deren Probleme damit gelöst werden können (wobei genau das gemäß dem modernen wissenschaftlichen Ansatz der Beweis für die Richtigkeit der Theorie wäre)? Nein, denn die Erklärung, dass es etwa die Schuld der Ökonomen ist, ist doch viel einfacher und bequemer und kratzt vor allem nicht an unserem gottgleichen Selbstverständnis.

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