Stellen wir uns einmal vor, die Fussball-WM des letzten Sommer hätte (wenn überhaupt) nur auf den hintersten Seiten der Tageszeitungen eine knappe Erwähnung gefunden. Unvorstellbar, würden wir konstatieren. Doch eine vergleichbare Erfahrung mussten in diesen Wochen und Monaten naturwissenschaftlich interessierte Zeitungsleser machen. Die Nachricht von der Entdeckung einer ersten Signatur der inflationsartigen Ausdehnung des frühen Universums in der kosmischen Hintergrundstrahlung vom März wäre ein Ereignis, welches in der Bedeutungshierarchie wissenschaftlicher Entdeckungen als eines der wichtigsten des vergangenen Jahrzehnts einzuordnen sein wäre. In den Zeitungen erfuhren wir davon herzlich wenig. Dass sich daraus geradezu ein wissenschaftlicher Thriller ergeben würde, konnten wir damals noch nicht wissen. Doch schon als kurz nach der Bekanntgabe erste Zweifel an der Interpretation der zugrunde liegenden Messungen aufkam, liess sich erahnen, dass es von dort an spannend werden würde.

Hier sind zwei Gruppen, die in interkontinentaler wissenschaftlicher Konkurrenz zueinander stehen: das amerikanisch geführte BICEPS-Observatorium und das europäische Planck-Projekt. Eine Gruppe veröffentlicht mit viel Presserummel eine wissenschaftliche Sensation (die amerikanische, wie könnte es anders sein). Die andere hält sich zunächst bedeckt, äussert aber mit der Zeit immer mehr Bedenken an der Interpretation der gemessenen Daten. Nun ist der Vorhang des zweiten Aktes gefallen: die Europäer hatten, wie es erscheint, Recht. Die Amerikaner waren Staubpartikeln aufgesessen. Das letzte Wort ist allerdings noch nicht gesprochen. Noch ist ein Comeback der Amerikaner möglich. Wir können also auf eine Fortsetzung hoffen.

Fehleinschätzungen sind gang und gäbe in der Wissenschaft. Doch das Beispiel macht deutlich, wie sich die Kommunikation von Wissenschaft verändert hat. Zunehmend wird auch in der Wissenschaft „cutting edge research“ kommuniziert, also Ergebnisse, die unter den Wissenschaftlern selbst noch diskutiert werden, d.h. noch kein mehrfach abgesichertes Wissen darstellen. Das ist natürlich prima und bringt uns näher heran an die wissenschaftliche Forschung (es ist gerade so, als ob wir Einstein bei seiner Ausarbeitung der Relativitätstheorie über die Schulter hätten schauen können). Kann Transparenz schaden, fragen wir uns. Allerdings werden uns damit auch die Fehler, welche wie in allem menschlichen Schaffen selbstverständlich auch in der Wissenschaft immer wieder an der Tagesordnung sind, vor Augen geführt. Die Wissenschaft ist nun einmal nicht so klar uns sauber, wie wir das gerne glauben oder und das glauben gemacht wird. Da geht es teils zu wie Kraut und Rüben, und bis eine Theorie oder ein Ergebnis einmal feststeht, vergehen viel Zeit und viele kontroverse Diskussionen. Kein Problem, würde man denken. Irren ist menschlich. Davor ist natürlich auch die Wissenschaft nicht gefeit. Nur leider hat das einen unangenehmen Nebeneffekt: Experten aus der Wissenschaft werden in der Öffentlichkeit als weniger glaubwürdig wahrgenommen. Von wem sonst erwarten wir schliesslich Klarheit und Objektivität? Die Klimaforscher können davon ein Lied singen. Wäre nicht das Zugeben eines Fehlers eher ein Argument für die Glaubwürdigkeit eines Wissenschaftlers? Die Naturwissenschaft ist die mächtigste Methode, über die wir zur Erkenntnisgewinnung über die Natur und der Verbesserung unserer Lebensbedingungen verfügen. Sie leichtfertig zu diskreditieren, wäre nicht nur töricht, sondern auch fahrlässig.

Spätestens in den Sonntagsausgaben der Zeitungen hätte man erwarten dürfen, dass einer solchen spannenden wissenschaftlichen Diskussion mehr aufklärerischer Raum gegeben wird, handelte es sich doch um ein sehr illustratives Beispiel dafür, wie Wissenschaft heute wirklich funktioniert: unübersichtlich grosse Forschergruppen, sehr komplexe, den Laien nicht mehr einfach verständlich zu machende Problemstellungen, eine Menge PR – es geht ja schliesslich auch um Geld – und jede Menge Ego der beteiligten Protagonisten (wer denkt, dass die Selbstbezogenheit bei Konzernchefs besonders ausgeprägt ist, der sollte mal eine anthropologische Studie unter Wissenschaftlern machen). Leider Fehlanzeige. Manchmal liegt im Nicht-Berichteten aber eine weitaus grössere Bedeutung als im Berichteten. Dass wissenschaftliche Grossereignisse nicht annähernd den Grad des öffentlichen Interesses geniessen wie die Präsentation des neuen iPhones, die letzten Details des Knastlebens eines Uli Hoeness oder dem Geschehen auf den internationalen Fussballplätzen, daran mussten wir uns schon gewöhnen. Doch ist es schon erstaunlich, wie wenig von Physik, Chemie oder Biologie die Rede ist, wenn uns Journalisten ihre Weltzusammenhänge erklären wollen. Dabei sind zwischen unserer Lebenspraxis und dem naturwissenschaftlich-technologischem Fortschritt, der sich von unseren Augen abspielt, weit aufregendere Verbindungen herzustellen als beim in allen Einzelheiten beschriebenen alljährlichen Stelldichein einer selbsterklärten Weltelite in Davos. So bleibt uns eine entscheidende Frage nach den Wirkungsmechanismen unserer modernen Lebensbedingungen von Seiten derjenigen, die sich das Frage-und- Antwort-Spiel zur Profession gemacht haben, vorenthalten.

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