Bekanntlich liegt der Anfang des (westlichen) philosophischen Denkens im antiken Griechenland. Vor ca. 2500 Jahren begannen dort die ersten Philosophen, anstatt die Welt als einen Spielball von Göttern und übernatürlichen Kräften zu beschreiben, über natürliche Bestimmungsgrössen für das Naturgeschehen nachzudenken. Dabei wandten sie sich sogleich einer der schwierigsten und umfassendsten Frage zu: Gibt es eine allen beobachteten Veränderungen zugrunde liegende, aus sich selbst heraus existierende Grundsubstanz, welche selbst keiner Veränderung unterliegt? Und wenn ja, was ist diese grundlegender Essenz der Welt und des Weltganzen? In beeindruckender zeitlicher Parallele stellten sich genau diese Fragen auch die indischen Philosophen. Sie kamen dabei auf teils sehr verschiedene Antworten. Diese Unterschiede bestimmten einen grossen Teil der unterschiedlichen Werdegänge von östlicher und westlicher Philosophie.

Von der vorsokratischen Schule der Parmenides von Eleas bis zum deutschen Idealismus im 19. Jahrhundert prägte die abendländischen Philosophie die Vorstellung einer dauerhaften und unveränderlichen, von nichts anderem abhängigen und sich selbst ewig gleichen Substanz als Daseinsgrund und Grundlage für alles andere in der Welt (der Begriff „Substanz“ ist dabei lateinischen Ursprungs: „substrahere“ heisst „abziehen“. „Substanz“ ist also das, was übrigbleibt, wenn man alles andere abzieht („subtrahiert“); im Gegensatz dazu bezeichnet die Philosophen seit Aristoteles das nicht Wesentliche, das sich Verändernde, das Zufällige als „Akzidenz“). Der Philosoph Demokrit folgerte bereits zwei Generationen nach Parmenides, dass alles Sein aus zahlreichen verschiedenen elementaren Teilchen bestehen muss, aus denen alles in der Welt zusammengesetzt ist. Aufgrund ihres grundlegenden Charakters sollten diese unteilbar sein, was Demokrit zu ihren Namen führte: ‚Atome‘ (griechische átomos für ‚unteilbar’). Mit seiner Atomtheorie kann Demokrit als der Vater der materialistisch substantialistischen Naturphilosophie angesehen werden, substantialistisch, insofern, dass die Welt aus ersten „Substanzen“ bestehen soll, die aus sich selbst heraus existieren und nicht weiter durch Anderes bedingt sein sollten, materialistisch, insofern, dass diese unteilbaren Substanzen körperliche Entitäten darstellen sollen (Demokrit porträtierte sie mit Haken und Schlaufen, einige glatt und rund, andere eckig und kantig). Gemäss dem Philosophen Hans-Georg Gadamer ist „der Atomgedanke ein ontologisches Postulat und ein Versuch, den Seinsgedanken der eleatischen Einheitslehre mit den Forderungen der Naturerfahrung dadurch zu vereinen, dass er in der Vielheit unsichtbar kleiner Einheiten das wahre Sein der Erscheinungen erkennt.“ (aus Gadamer „Der Anfang des Wissens“). So galt der Begriff des Atoms lange als ein Musterbeispiel, ja als Prototyp des substantiellen Denkens der westlichen Philosophie.

Ganz anders die indische Philosophie. Im 2. Jahrhundert n. Chr. brachte der bedeutendste Philosoph des Buddhismus, Nagarjuna eine zum westlichen Denken vollständig gegensätzliche Philosophie auf den Punkt: Nagarjuna lehnte jegliche eigene Substanz im weltlichen Sein ab. Indem er die gegenseitige Abhängigkeit aller Phänomene und Entitäten lehrte, gab er sämtlichen Dingen in der Welt das Attribut der Substanzlosigkeit. Das „Prinzip des bedingten Entstehens allen Seins“ beschreibt Nagarjuna mit dem Sanskrit-Term pratiyasamutpada, und der im Buddhismus so zentrale und ihn noch heute massgelblich prägende Begriff shunyata benennt die „Leerheit aller Phänomene“ (eigentlich sollte shunyata mit „Leerheit von jeglicher Eigenexistenz“; „Ablehnung jeglichen grundlegend selbstständige Seienden“ übersetzt werden). Die Ablehnung jeglicher Substanz in den Dingen ersparte dem östlichem Denken im Vergleich zur Geschichte der westlichen Metaphysik eine Menge philosophischen Ärger, setzte ihm jedoch leider auch dem weit verbreiteten Missverständnis westlicher Interpreten aus, eine nihilistische Philosophie darzustellen (dieser Vorwurf Nihilismus allerdings ist wiederum eine Konsequenz des westlichen substantiellen Denkens, welches allem, was kein eigentliches Sein in sich trägt, nur noch das Attribut des „Nichts“ – lat. „nihil“ – zusprechen kann).

Die Naturwissenschaft fügte dieser Diskussion 1500 Jahre später zunächst keine weitere eigene Dimension hinzu, übernahm sie doch die traditionelle metaphysische Annahme eines an sich existierenden und von uns direkt erfassbaren Weltganzen als Gesamtheit von substantiellen Einzelteilen, die universellen Gesetzen genügen, welche wiederum mit Hilfe der neuen „wissenschaftlichen Methode“ zu erfassen seien. So ist es kaum überraschend, dass ihre Grundidee von abstrakten Teilchen, die bestimmten Bewegungsgesetzen gehorchen, bereits in der Antike vorlag. Doch weder Demokrit noch Newton und Dalton hatten eine direkte Erfahrung der Atome. Ihnen standen keine Teilchendetektoren zur Verfügung wie heutigen Physikern, um ihre Theorien zu verteidigen. Demokrits Philosophie war das ausschliessliche Ergebnis seines Denkens. Bereits kurz vor Demokrit war der Eleate Zenon bei seinen Überlegungen nach Raum, Zeit und Bewegung auf einige Paradoxien gestossen, die ihn schlussfolgern liessen, Bewegung an sich sei gar nicht möglich. Zu diesem Ergebnis war bereits sein Freund und Lehrer, der bereits erwähnte Parmenides, gekommen, der dies aus der Substantialität des unbedingten und damit unveränderlichen eigentlich Seienden ableitete. Nach seiner Argumentation muss aller erfahrungsgegebenen Veränderung immer etwas erhalten bleiben, was bereits vor der Veränderung da „ist“ (das genau ist die substantialistische Grundannahme!). „Werden“ heisst dann, dass aus etwas Nicht-Seiendem etwas Seiendes wird. Doch Seiendes kann nicht erst entstehen, es ist bereits da. Die Vorstellung von „Werden“ steht damit im Widerspruch zur Substantialität des Seienden. Doch sei die Grundlage dieser Argumentation noch einmal klar herausgestellt: Alle drei, Parmenides, Zenon und Demokrit, und mit ihnen ihre grossen Nachfolger Platon und Aristoteles, sowie die allermeisten westlichen Philosophen und Naturwissenschaftler der nächsten 2300 Jahre (bis ins späte 19. Jahrhundert), gehen von der Existent einer an sich seienden unabhängigen Grundsubstanz aus, die alles Sein bestimmt.

Die Vorstellung substantiellen Seins führte die Vorsokratiker zu einigen extremen Sichtweisen und Paradoxien (was ist extremer als zu glauben, dass sich eigentlich nichts bewegt?), insbesondere dort, wo ihnen eine Vorstellung des Unendlichen abverlangt wurde. Dieser Paradoxien war sich auch Nagarjuna bewusst. Doch anstatt zur Negation aller Bewegung führten sie ihn zu seiner kategorischen Ablehnung allen unabhängig Seienden, jeglicher Substanz. Neben Parmenides Schlussfolgerungen, dass sich im Grund in der Welt nichts bewegt, stammt das bekannteste Beispiel der Bewegungsparadoxie von Zenon (ähnliche beschreibt auch Nagarjuna). Zenon beschreibt ein Wettlauf zwischen dem schnelle Achilles und einer Schildkröte: Erhält letztere dabei einen Vorsprung, so sollte Achilles die Schildkröte nie mehr überholen können. Denn sobald letzterer beim Startpunkt der Schildkröte anlangt, hat sich diese schon ein wenig weiter bewegt. Kommt Achilles zu diesem Punkt, so ist diese schon wieder ein wenig weiter, wenn auch nur um ein noch kleineres Stück. Und immer so weiter. Wir können dies heute schnell auflösen. Dass die Momentan-Bewegung, ein Quotient aus zwei unendlich kleinen Grössen ist (unendlich kurze Zeit im Nenner und die innerhalb dieser unendlichen kurzen Zeit zurückgelegten unendlich geringen Distanz im Raum), einen endlichen Wert ergibt, weiss heute jeder Schüler, der die Grundzüge der Differentialrechnung verstanden hat. Für die heutigen Physiker sind die Bewegungsprobleme Zenons und Nagarjunas somit gelöst. Sie sehen in unendlichen Grössen nicht mehr zwangsläufig philosophische Rätsel.

Die Vorstellung unendlich kleiner Raumeinheiten und anderer unendlich kleiner physikalischer Einheiten konnten die Physiker zuletzt mit der von Newton und Leibniz entwickelten und zuletzt im 19. Jahrhundert auf solide begriffliche Füsse gestellten Mathematik des Unendlichen („Infinitesimalrechnung“) konsistent erfassen. „Natura non facit saltus“, so brachte es Leibniz auf den Punkt, was für Physiker nichts anderes heisst, als dass sich alles Naturgeschehen durch (unendlich oft) differenzierbare Funktionen ausdrücken lässt (welche Lösungen entsprechender Differentialgleichungen darstellen). Die Mechanik Newtons ist eine abstrakte Punktmechanik, die sich den Fragen nach den wahren kleinsten Teilchen gar nicht mehr explizit zu stellen braucht. Die (elektromagnetisch) Feldtheorie Maxwells wiederum beschreibt Felder als differenzierbare und damit in Raum und Zeit unendlich teilbare Grössen. Damit schien alles klar, die antiken Probleme des Unendlichen gelöst, die substantialistische Metaphysik der kleinsten Teilchen umfänglich begründet.

Alles? Fast alles. Nur eine kleine Domäne an Fragen widersetzte sich der intellektuellen Besatzung der klassischen Physik. Der „Asterix der physikalischen Probleme“ bestand im Wesentlichen in der Frage, wie die in Newtons Theorie als punktförmige definierten Teilchen eine endliche Masse oder Ladung tragen konnten, führt eine solche doch zu physikalisch nicht möglichen unendlichen Masse- und Ladungsdichten. Musste nicht auch die Mechanik zuletzt eine Feldtheorie sein, in denen Dinge wie Masse und Ladung durch kontinuierliche und differenzierbare Felder beschrieben werden? Die Physiker des 19. Jahrhunderts gingen diesen Schritt nur sehr zögerlich. Doch schon bald wurden sie von Entwicklungen eingeholt, die einige der antiken Fragen wieder mit voller Wucht ans Tageslicht bringen sollten. Am Ende standen gleich zwei revolutionäre und zugleich bizarre Theorien, welche noch heute den meisten Nicht-Physikern als Inbegriff des Unbegreiflichen erscheinen: die „Relativitätstheorie“ und die „Quantenmechanik“. Sie bilden das heutige Fundament der Physik und geben auf die antiken philosophischen Grundfragen tatsächlich einige teils sehr verblüffende Antworten.

In der Tat müssen wir alle grundlegenden physikalischen Grössen (dies betrifft zuletzt auch Raum und Zeit) als Felder beschreiben. Doch sind diese Felder keine unserem Geist vertraute, begreifliche Felder, wie beispielsweise die uns der Schule bekannten Magnetfelder, sondern so genannte „Quantenfelder“, unanschauliche und mathematisch hochgradig abstrakte Grössen, mit denen wir nichtsdestotrotz sämtliche bisher beobachtete grundlegende physikalische Wechselwirkungen im Mikrokosmos exakt erfassen können. Und mit diesen Quantenfeldern geschieht etwas Erstaunliches: sie heben die jahrtausendealte Trennung zwischen Akzidenz und Substanz, zwischen Beobachter und Beobachtetem, zwischen Subjekt und Objekt auf. In der modernen Quantenfeldtheorie sind „Teilchen“ und die sie beschreibenden Felder („Wellen“) in ihren Wechselwirkungen untereinander sowie mit dem Beobachtungsapparat des beobachtenden Subjekts (Messgerät) unzertrennlich verbunden („verschränkt“ lautet der Fachbegriff). Das Konzept isolierter Teilchen annulliert sich, es gibt nichts Unabhängiges und Substantielles mehr. In ihrer Wechselwirkungen bedingen Teilchen Felder und umgekehrt. Je tiefer man in die Grundstruktur der Materie eintaucht, desto verschwommener erscheint das Teilchenbild, desto mehr lösen sich die Substanzen hinter den einzelnen Phänomenen auf. Zuletzt können sogar „aus dem Nichts“, durch so genannte Quantenfluktuationen, „virtuelle Teilchen“ entstehen (was im Übrigen zuletzt auch die Vorstellung eines „Nichts“ aufhebt: es gibt in der Quantenfeldtheorie also weder „substantielles Sein“ noch „das Nichts“). „Teilchen“ werden permanent von fluktuierenden Quantenfeldern und ihren Wechselwirkungen begleitet, welche wiederum virtuelle Teilchen erzeugen. Diese sind damit integraler Bestandteil von ersteren Teilchen. Ein „Teilchen“ ist somit kein unserer alltäglichen Vorstellung entsprechendes sehr kleines Stück Materie, wie sich das die Physiker noch von Demokrit über Dalton bis Thomson und Einstein vorgestellt haben, sondern vielmehr eine Wolke aus Feldern, Wechselwirkungen und anderen Teilchen, die allesamt einander bedingen und nicht voneinander trennbar sind.

Wir können also die Frage nach den kleinsten fundamentalen Bausteinen der Materie nicht innerhalb unserer gewohnten Vorstellungen von „Materie“ beantworten. Vielmehr müssen wir dafür den Raum unserer Betrachtungen erweitern und die Wechselwirkung mit der Umgebung einbeziehen. Kurz und knapp formuliert: Die Suche nach dem Kleinsten führt uns unmittelbar zu einer integrativen ganzheitlichen Betrachtungsweise. Dies gibt uns zuletzt eine – wenn vielleicht auch nicht für jeden befriedigende – Antwort auf die antike Frage nach den allerkleinsten Teilchen: Auf der Suche nach den kleinsten Teilchen, müssen wir, je kleiner die Teilchen werden, desto mehr Energie für ihre Messung aufwenden. Aber einer bestimmten Grössenordnung wandelt sich die aufgewendete Energie selbst jedoch wieder in Teilchen um (hier erhält Einsteins Formel „E=mc2“ ihre Bedeutung). Somit verwandelt sich das Beobachtungsinstrument in das zu Beobachtende, womit das zu beobachtende Kleinste wieder grösser wird. Vereinfacht und veranschaulichend ausgedrückt: Ab einem gewissen Punkt bewirkt bei einer angestrebten Aufteilung einer Struktur der Teilungs- und Messprozess selbst anstatt „zweier Hälften“ die Verdopplung der Struktur.

Die eingangs vorgetroffene Frage der Griechen nach der aus sich selbst heraus existierenden Grundsubstanz, welche sich selbst nicht verändert, kann die moderne Physik also unterdessen beantworten. Eine solche gibt es schlicht und einfach nicht. Hier finden sich faszinierende intellektuelle Parallelen zum beschriebenen buddhistischen Denken des shunyata und des pratiyasamutpada. Die ganzheitliche Verbindung eines Quantenteilchens mit seiner Umwelt, die Aufhebung der Subjekt-Objekt-Dualität und die Ablehnung jeglicher unabhängiger Substanz, all das sind Einsichten, die gerne mit Ideen der Madhyamaka-Philosophie des Nagarjuna verglichen werden. Es lohnt sich, diesen Parallelen – sowie den Unterschieden – weiter auf den „Grund“ zu gehen.

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