Russlands „alte“ Politik in einer neuen Welt – Warum die schlimmsten Konsequenzen des Angriffs Putins vermutlich auf der russische Seite anfallen werden

Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist der erste militärische Angriff einer europäischen Nation gegen eine anderen seit dem 8. Mai 1945. Und auf den ersten Blick scheint dieser Angriff nach genau den gleichen Prinzipien und Methoden zu funktionieren wie der Angriff NS-Deutschlands auf Polen vor mehr als 82 Jahre,  am 1. September 1939. Natürlich erleben wir Dinge, die es damals noch gar nicht gab:

  • Eine kaum zu überblickende Schar von direkten Kommentaren und Diskussionen auf dem Internet,
  • eine instantane Berichterstattung von den Einzelheiten der Militäraktionen in die ganze Welt,
  • der sofortige Eingriff in die internationale Zahlungsfähigkeit Russlands, z.B. mit dem Hinauswurf Russlands aus dem internationalem Bankgeschäft über einen Swift-Ausschluss (wenn es sich auch einige Länder wie die Schweiz und sogar Deutschland schwer damit tun, denn es droht schliesslich weniger Business),
  • die erschreckende Drohung Putins bei Eingriff des Westens: Atomwaffen einzusetzen,
  • der direkte Ausschluss Russlands aus der Entwicklung der Hightech-Wirtschaft des 21. Jahrhunderts durch Ausschluss von internationalen Projekten,
  • und zahlreiche weitere Dinge.

Doch nichtsdestotrotz erscheint der Angriff auf die Ukraine mit dem Ziel, Kiew zu erobern dem Angriff Hitlers mit dem Ziel Warschau einzunehmen, zunächst sehr zu ähneln. Bei genauerer Betrachtung ist die Situation jedoch eine ganz andere als damals, insbesondere in Bezug auf die damals wohl bereits bedeutendste Entwicklungskomponente, die heute aber um Vielfaches wichtiger ist: Wissenschaft und Technologien. Deutschland war damals die führende Wissenschaftsnation, wo nicht nur die Quantenphysik und Relativitätstheorie entstanden war, sondern die auch in Chemie, Biologie und Medizin weltweit führend war. Wie steht es mit Russland heute? Die Lage für das Land sieht ganz anders aus: In den internationalen Wissenschaften spielt es eine eher geringe Rolle, Auch neue Technologien kommen kaum daher. So gibt es zum Beispiel kaum ausländisches wissenschaftliches Personal, das nach Russland geht um dort zu forschen. Neue wissenschaftliche Ergebnisse und innovative Technologien kommen also kaum daher. Zu geschlossen und undemokratisch ist das Land. So verwenden die Russen gar in ihrer aggressiven Manipulation auf dem Internet zuletzt aus dem Auslange stammende Technologien. Dies bedeutet im Übrigen nicht, dass dies auch für individuelle russische Wissenschaftler gilt. So gab es seit 1990 fünf Physik-Nobelpreise für Russen (in drei verschiedenen Jahren). Die Mehrzahl dieser Russen hatten aber bereits lange im Ausland gearbeitet.

Wissenschaftler arbeiten nun einmal lieber in freien Ländern, und nicht in Ländern, in denen das Internet seit jeher unter staatlicher Überwachung seht (der Geheimdienst FSB kann – ohne richterliche Genehmigung! – den gesamten Mailverkehr in, von und nach Russland lesen und die Internetaktivitäten der russischen User in Echtzeit verfolgen). Mit anderen Worten: Die erfolgreichste und originellste wissenschaftliche Forschung findet nun einmal in offenen Gesellschaften statt (wie Deutschland dies mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus erfuhr, wo die führende Rolle in den Wissenschaft innerhalb von fünf Jahren verschwand). So wird der oben erwähnte Ausschuss von wissenschaftlichen und technologischen Projekten langfristig für Russland höchstwahrscheinlich am gravierendsten sein: Das Land wird von der unglaublich schnellen Dynamik der internationalen Entwicklung der Technologien abgekoppelt, was das Land immer weiter ins Hintertreffen geraten lässt, ökonomisch sowie zuletzt auch militärisch (woran zuletzt ja auch die Sowjetunion gescheitert ist).

Für autoritäre Herrscher sind die Wissenschaften nun einmal der Feind schlechthin, könnte man sagen, denn allein die Wissenschaft kann den Lügen und Zynismen, dem Machtkalkül und der verantwortungslosen, oft bis in den Wahn reichenden Vereinfachung der Herrscher die Stirn bieten. So hat auch die Sowjetunion (insbesondere unter Stalin) zahlreichen brillanten Wissenschaftlern den Tod zukommen lassen (wie unter anderem auch den Bruder vom Emmy Noether, Fritz Noether, der ebenfalls ein Mathematiker war und von Nazi-Deutschland nach Russland emigriert war).

So beschreibt der heutige Chef der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Sergejew, die Lage der Wissenschaft in seinem Land als „Tal des Todes“. Die russische Wissenschaft trage nicht zur Innovation der russischen Wirtschaft bei, die Zahl der Beiträge aus Russland auf bedeutenden internationalen Konferenzen und die Aufsätze russischer Forscher in führenden internationalen Zeitschriften ist so stark zurückgegangen, dass solche mit hoher Attraktivität und vielen Zitierungszahlen vernachlässigbar seien. Die Forschungsfinanzierung pro Wissenschaftler sei 100-mal geringer als in Japan. Anfang der 90er-Jahre gab es noch fast dreimal so viele Wissenschaftler in Russland wie heute. So summiert sich unterdessen die Zahl der hochqualifizierten Auswanderer aus dem Land auf 44’000 pro Jahr. Vor allem in den letzten Jahren, seit der Annexion der Krim und den immer weitergehenden Repressionen des Putin-Regimes gegen politisch Andersdenkende, wanderten mehr und mehr Wissenschaftler, und mit ihnen viele der gescheitesten jungen russischen Geister in den Westen ab, können sie doch zu Hause nicht das umsetzen, was sie in ihren Köpfen haben. Und dass russischstämmige Physiker im Ausland Erfolge haben, zeigten u.a. Andrej Geim und Konstantin Nowosjelow von der Universität Manchester, die im Jahre 2010 den Physik-Nobelpreis für die Erforschung des Nanomaterials «Graphen» erhielten. Auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr nach Russland vorstellen könne, antwortete Geim sarkastisch: „Erst nach meiner Wiedergeburt.“

Was Russland ebenso langfristig sehr schwach dastehen lässt ist, dass seine Ökonomie nahezu komplett vom Export fossiler Brennstoffe abhängig ist. Dies lässt Russland auch in einer zukünftig wohl besonders wichtigen ökonomischen Disziplinen ebenfalls komplett ins Hintertreffen gelangen: ökologische Innovationen. Hier handelt China, der grösste Verbraucher von fossiler Energie und oft mit Russland bzgl. seines autoritären Eigeninteresses verglichen, ganz anders: Trotz des hohen Kohleverbrauchs ist China bereits der grösste Produzent alternativer Energien in Form von Wind, Wasser und Sonne.

Die Technologien, die Putin und Russland ermöglichen, zum Beispiel das Internet als militärisches Tool zu verwenden, wurden allesamt  in den freien und offenen Gesellschaften des Westens erfunden und entwickelt, dort, wo sich die Kreativität der Menschen am besten entfalten kann. So sagte Joe Biden als Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine mit klarer Stimme:

„Freiheit, Demokratie, Menschenwürde – diese Kräfte sind um ein Vielfaches stärker als Angst und Unterdrückung. Sie können von Tyrannen wie Putin und seinen Armeen nicht ausgelöscht werden. Sie können den Herzen und den Hoffnungen der Menschen durch kein Maß an Gewalt und Einschüchterung entrissen werden. Sie überdauern.

Und täuschen Sie sich nicht im Kampf zwischen Demokratie und Autokratie, zwischen Souveränität und Unterwerfung: Die Freiheit wird siegen.“

Dieser Aussage des US-Präsidenten kann man nur zustimmen.

3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Danke Lars für diesen guten Artikel, ja die Freiheit wird gewinnen, hoffentlich nicht mit allzuvielen unschuldigen Ofern.

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  • In diesem Krieg geht es zunächst natürlich um die Ukraine und zwar als Auseinandersetzung zwischen der offenen, demokratischen Gesellschaft der Ukraine und der geschlossenen, autokratischen in Russland. Doch dieser Konflikt spielt sich auch global schon lange zwischen den demokratischen Gesellschaften auf der einen Seite und Russland und China auf der anderen Seite ab (wobei noch zu berücksichtigen ist, dass an die 50% der US-Gesellschaft in Richtung Autokratie unterwegs sind!). China hat in Taiwan dasselbe vor, was die Russen gerade machen und zudem strebt China durch seine globalen Aktivitäten etwa in Afrika zweifellos an, die USA als Weltmacht abzulösen.
    Es zeichnet sich ein Showdown der Gesellschaftssysteme ab und die Äußerungen von Putin zeigen, wie schnell das in einen Weltkrieg mit Massenvernichtungswaffen enden kann.

    Worin könnte eine Lösung liegen? Für mich nur in und mit der größten und umfassendsten wissenschaftlichen Theorie, der Evolutionstheorie. Vor kurzem ist Edward O. Wilson gestorben, der wohl einflussreichste Evolutionsbiologe unserer Zeit. Im letzten Jahrzehnt hat er eine revolutionäre Kehrtwende vollzogen, indem er die Verwandtenselektion als Kern des herrschenden Paradigmas der Soziobiologie falsifiziert hat und gleichzeitig einen neuen Ansatz zur Evolution des Menschen geschaffen hat, in dem die Kultur eine eigenständige Rolle erhält und von den genetischen Gesetzmäßigkeiten befreit wird. Damit lassen sich meiner Meinung nach die Probleme des modernen Menschen allesamt lösen – doch die Sache hat einen Haken. Wilson fügt mit seinem neuen Ansatz dem Menschen eine erneute, jetzt ultimative Kränkung zu, so dass Richard Dawkins seinem einstigen „lebenslangen Helden“ Wilson nun „schamlose Arroganz“ und „perverse Missverständnisse“ vorwirft und über das Buch von Wilson, in dem dieser die Verwandtenselektion falsifiziert, sagt: „’Die soziale Eroberung der Erde’ sei ein Buch, das man ‚mit Wucht wegschleudern’ sollte“ (Der SPIEGEL 08/2013 „Wir sind ein Schlamassel“). Als Folge davon wird das Wirken von Wilson in seinem letzten Jahrzehnt in den Nachrufen auf ihn nicht einmal mehr erwähnt.

    Der Schlamassel liegt für Wilson darin begründet, dass wir als Menschen zwar über Geist und Vernunft verfügen, aber andererseits, was wir gerne verleugnen, immer noch von genetisch verankerten Instinkten unseres animalischen Erbes nicht nur beeinflusst, sondern wie er es an einer Stelle ausdrückt, „gesteuert“ werden, und zwar nicht nur einige ungebildete Menschen der sozialen Unterschicht in Ausnahmesituationen oder wie jetzt im Ukrainekrieg manche Autokraten, sondern permanent und gesetzmäßig alle Menschen bis in die sogenannten geistigen Eliten hinein. Darin liegt die Kränkung. Vor allem die Gier nach Macht, Reichtum, Rang und Vorherrschaft steuern den Menschen. Wann wird der Mensch geistig-kulturelles Wachstum als Ideal an die Stelle von materiellen Wachstum und sozialer Vorherrschaft setzen? Wahrscheinlich erst nach einem dritten Weltkrieg mit Massenvernichtungswaffen in einer dadurch auf Jahrhunderte verseuchten Welt.

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  • Norbert Göke
    März 1, 2022 4:20 pm

    Vielen Dank für die Analyse aus wissenschaftlicher Sicht! Wie wichtig die Freiheit für Wissenschaftler ist war mir nocht so klar. Hoffentlich wendet sich die Situation in der Ukraine noch – ansonsten wird es fürchterlich für die Menschen dort, aber auch für uns alle. Russland dürfte für viele Jahrzehnte geächtet sein.

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