China auf dem Weg zur technologischen Supermacht: Kann eine totalitäre Gesellschaft zu einer führenden Wissenschaftsnation werden?

Im frühen 17. Jahrhundert ging aus dem lange so dunklen Kontinent Europa eine der bedeutendsten Revolutionen des menschlichen Geistes hervor: die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens. Der aus ihr hervorgegangene technologische Fortschritt liess Europa zum Wissenszentrum der Moderne werden – und damit nicht zuletzt zur unumstrittenen ökonomischen und militärischen Weltmacht. Sie führte aber noch zu zwei weiteren bedeutenden Entwicklungen: Erstens erfreuen sich die Europäer (und ihre geistigen Kinder, die US-Amerikaner) heute eines Wohlstandes, der die grössten Hoffnungen früherer Generationen längst übertroffen hat, zweitens leben die meisten Menschen in Europa (Ausnahmen: Russland, Weissrussland, teils Ungarn und Polen) in einer anti-totalitären und demokratischen Gesellschaft. Philosophen, Historiker und Soziologen erkennen hier einen in beiden Richtungen wirkenden kausalen Zusammenhang, vom Erfolg des wissenschaftlichen Denkens zur Entwicklung einer „offenen Gesellschaft“, die, wie Karl Popper sagte, zum Ziel hat, „die kritischen Fähigkeiten des Menschen“ freizusetzen, und umgekehrt, die offene Gesellschaft, die auch das freie wissenschaftliche Denken immer weiter fördert. Popper war der erste, der diese Interdependenz explizit hervorhob. Kernvoraussetzung der Wissenschaft ist die Freiheit von Fremdbestimmung, diese Freiheit hängt andererseits von der permanenten Infragestellung der Prinzipien der Machthaber ab, für die Wissenschaft der erste Garant ist. Wie sehr sehnt sich jeder totalitäre Autokrat nach einer Welt ohne vermeintlich lästige Experten, ohne kritische Geister, ohne unabhängig denkende Wissenschaftler. Eine offene Gesellschaft ist immer eine kritische Gesellschaft, und eine kritische Gesellschaft muss immer offen sein.

Der nach 1650 mit immer schnellerer Schlagzahl erfolgt Ausbau unseres Wissens über die Welt, die sich daraus ergebenden, die Lebensbedingungen der Menschen immer weiter verbessernden Technologien und die Umwälzung der europäischen Länder zu offenen Gesellschaften waren die Ernte, die eingefahren wurde, als sich die Tugenden des wissenschaftlichen Denkens unter den Gelehrten Europas fest etabliert hatten. Die wesentlichen davon ist der methodische Zweifel und die damit einhergehende Abkehr von Dogmen. Die Wissenschaft untergrub allumfassende Welterklärungsmodelle und totalitäre Theorien und stellte damit auch die Legitimation der bestehenden geistigen und politischen Führerschaften infrage. Newtons Gesetze wurden nicht ohne Zufall zum Türöffner ins Zeitalter der Aufklärung. Auch liessen sie sein Land zu einer führenden Wissenschaftsnation werden, umgekehrt verlor Deutschland in den 1930er Jahren, als seine Wissenschaftler dem totalitären Land den Rücken zukehrten, seine langjährige Führung als Wissenschaftsmacht.

Die optimale Entfaltung der wissenschaftlichen Kräfte und der daraus entstehenden Super-Technologien waren historisch bislang nur in offenen Gesellschaften möglich, in denen die Regierungen ihre Macht nicht zum Zweck des Erhalt ihrer selbst missbrauchen und den Menschen somit nicht vorgeben konnten, was sie zu denken und auszusprechen haben. Doch stellt sich die Frage: Gibt es erfolgreiche Wissenschaft generell nur in einer offenen, demokratischen und die Menschenrechte schützenden Gesellschaft? Man ist geneigt, diese Frage zu bejahen. Wissenschaft und Ingenieurwesen erfordern freies und von aussen nicht beschränktes Denken, ihre erfolgreichsten Vertreter sind Menschen, die sich ungerne etwas sagen lassen. Diese Voraussetzungen bieten nun einmal nur offene Gesellschaften.

Spätestens an dieser Stelle fällt der Blick auf China. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass dieses Land eine offene, demokratische Gesellschaft darstellt. Die Zensur der Meinungsäusserung durch das autoritäre Regine, die Überwachung der Menschen mit Hilfe modernen Technologien, die Verfolgung ethnischer Minderheiten und die Verletzung universeller Menschenrechte machen China nach jeder möglichen Definition zu einer totalitär regierten Gesellschaft. „Xi Jinping ist der größte Feind der offenen Gesellschaft“, sagt einer der Hauptadvokaten Poppers und seiner offenen Gesellschaft heute, der Investor und Philanthrop Georg Soros. In den Augen vieler westlicher Beobachter stellt China zugleich aber auch eine Gefahr für westliche Demokratien dar. Der Grund: Das Land entwickelt sich zu einer technologischen Supermacht, und dies nicht nur auf dem Feld der künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen, wo es einfach nur die im Westen entwickelten KI-Algorithmen anwenden musste und dann aufgrund nicht vorhandenerer Datenschutzgesetze einen natürlichen Vorteil besitzt, sondern auch auf anderen Gebieten wie Bio- und Gentechnologien, Quantentechnologien und neuen Energietechnologien wie z.B. der Kernfusion. In all diesen Bereichen dem Westen gegenüber lange hoffnungslos im Hintertreffen gelegen hat China unterdessen aufgeschlossen.

Nun ist die technologische Entwicklung nicht unbedingt das gleiche wie die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung. Bei ersterer geht es um die Gestaltung neuer konkreter industriellen Produktions- und Verarbeitungsverfahren auf der Basis technologischer Ideen und Erfindungen sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen, bei letzterer um neue Aspekte und Details unseres Welt- und Naturverständnisses. Die Ergebnisse ersterer sind zumeist urheberrechtlich geschützt, die letzterer frei und schnell universell zugänglich. Und bereits 1938 warnte der Soziologe Robert Merton davor, den Wert der Wissenschaften neben politischer Angemessenheit auch nicht nach ihrem ökonomischen Nutzen zu taxieren.

Gerade in der Wissenschaft zeigte China seit 400 Jahren Jahre ein massive Unterlegenheit, was die Beziehung zwischen offener Gesellschaften und erfolgreicher Wissenschaft zu bestätigen scheint. So wurden seit der Einführung der Nobelpreise im Jahr 1901 bis heute 616 Naturwissenschaftler mit diesem höchsten Preis der Wissenschaften ausgezeichnet (215 in Physik, 179 in Chemie, 222 in Medizin). Die Bilanz chinesischer Wissenschaftler ist dabei ernüchternd:

  • Gerade einmal eine einzige Person, die einen wissenschaftlichen Nobelpreis erhielt (die Frau Tu Youyou, 2015 für Medizin), stammt aus China, wurde dort ausgebildet, forschte dort und hielt zum Zeitpunkt der Nobelpreisverleihung die chinesische Staatsbürgerschaft.
  • Die Physik-Nobelpreisträger Chen Ning Yang und Tsung-Dao Lee (1957), Daniel C. Tsui (1998) und Charles Kao (2009) wurden zwar auf dem Gebiet der heutigen Volksrepublik China geboren, erhielten jedoch ihre Ausbildungen und forschten später in den USA und England. Als sie den Preis erhielten, waren sie längst alle Staatsbürger ihrer jeweiligen Wahlheimat.
  • Yuan T. Lee, 1986 ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Chemie, wurde im heutigen Taiwan geboren, wurde allerdings ebenfalls in den USA ausgebildet und erhielt den Preis ebenfalls als amerikanischer Staatsbürger.

Die Fields-Medaille und der Abelpreis, die zwei höchsten Auszeichnungen in der Mathematik, sind bisher an keinen einzigen chinesischen Mathematiker verliehen worden. Die meisten bekannten chinesisch-stämmigen Mathematiker des 20. Jahrhunderts lebten den allergrössten oder gar gesamten Teil ihres mathematischen Lebens im westlichem Ausland. Die einzigen Ausnahmen waren der Zahlentheoretiker Chen Jingrun und sein Entdecker und Lehrer Hua Luogeng. Dass die Chinesen dennoch über ein grosses mathematisches Potential verfügen, zeigt, dass sie an der seit 1959 jährlich stattfindenden Internationalen Schüler Mathematik-Olympiade die meisten Mannschaftswertungen gewannen, das erste Mal jedoch erst 1989, seitdem gingen aber fast zwei Drittel aller Teampreise nach China!

Zum Vergleich: Die Sowjetunion, ebenfalls keine offene Gesellschaft (und auch nicht ihr Nachfolgerstaat Russland), brachte während ihrer 69-jährigen Geschichte zehn Physik- und einen Chemienobelpreisträger hervor, die alle ausser einer Person nahezu ihr gesamtes Leben in der Sowjetunion bzw. Russland verbrachten. Dazu kommen sechs sowjetische und drei russische Fields-Medaillen-Träger in Mathematik. Die totalitäre Sowjetunion zeigte also durchaus eine beachtenswerte Leistung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und Mathematik, was die These von der Abhängigkeit wissenschaftlicher Spitzenleistungen vom Status der offenen Gesellschaft, in der sie erreicht werden, zu hinterfragen scheint. Doch scheiterte die Sowjetunion nicht zuletzt an der wissenschaftlichen und schiesslich technologischen Unterlegenheit ihres Systems zum Westen?

Betrachten wir desweiteren eine Kultur genauer, die einst die Blüte der Wissenschaften darstellte: In der Zeit von 800 bis 1’250 n. Chr. waren die islamischen Wissenschaftler weltweit konkurrenzlos. Doch dann entwickelte sich ab dem frühen 13. Jahrhundert innerhalb der arabischen Gesellschaften eine intellektuelle Abschottung. Die islamischen Religionsführer und Machthaber wurden in ihren Ansichten zunehmend rigoros und wissenschaftsfeindlich, das Denken dogmatisierte und die Gesellschaften verschlossen sich. Vernunft und Verstand mussten sich dem Glauben unterordnen, wichtige Technologien wie die Druckerpresse blieben aus religiösen Gründen verboten. So stammen bis heute gerade einmal zwei wissenschaftliche Nobelpreisträger aus dem islamischen Kulturkreis: Abdus Salam aus Pakistan (Nobelpreis für Physik, 1979) und Ahmed Zewail aus Ägypten (Nobelpreis für Chemie, 1999). Beide haben allerdings ebenfalls den größten Teil ihrer Ausbildung und wissenschaftlichen Karriere im Westen verbracht. Einen ausschließlich in islamischen Ländern ausgebildeten und forschenden Nobelpreisträger in Physik, Chemie oder Medizin gibt es bislang nicht. Dagegen gab es allein in den letzten 20 Jahren sechs israelische Chemie-Nobelpreisträger (die israelische Bevölkerung beträgt ca. 8 Mio., die muslimische mehr als 1.8 Milliarden Menschen)! So scheinen auch die sowjetische und arabische Gesellschaft die These vom Zusammenhang zwischen einer offenen Gesellschaft und der Qualität ihrer Wissenschaften zu bestätigen (wenn auch im ersten Fall etwas weniger eindeutig).

Um den bisherigen geringen Beitrag Chinas zur Weltwissenschaft zu erklären, müssen wir die chinesischen Vergangenheit etwas näher betrachten. Die allerlängste Zeit seiner jahrtausendelangen Geschichte wurde China von einem gewaltigen, streng hierarchisch gegliederten Beamtenapparat beherrscht. Fast alle Gelehrte waren im Staatsdienst, außerhalb der Bürokratie gab es keine nennenswerte intellektuelle Elite. Die Beamten genossen, solange sie loyal blieben, den zuverlässigen Schutz des Staates und lebenslange finanzielle Sicherheit. Bis ins 19. Jahrhundert blieb die gesellschaftlichen Struktur und Ordnung des Landes nahezu unverändert. Der Preis dieser Stabilität war intellektuelle Stagnation. Der hohe Grad an staatlicher und sozialer Ordnung liess Veränderungen, Vorschläge für Verbesserungen und neue Ideen nicht sehr gefragt sein, Anreize, neue Kenntnisse zu erwerben, gab es kaum. Dass ein Beamter experimentierte oder gar bestehendes Wissen hinterfragte, kam daher so gut wie nie vor. Wer über sein Tagespensum hinaus noch intellektuelle Impulse verspürte, versuchte sich eher an der hoch angesehenen Dichtkunst. Dass chinesische Beamte kaum kreativ oder neugierig waren, lag auch an dem strengen Auswahlverfahren für diejenigen, die Teil dieser gesellschaftlichen Oberschicht werden wollten. In mehrtägigen Examina, den sogenannten kējǔ, wurde hauptsächlich die Kenntnis der Vier Bücher und der Fünf Klassiker des Konfuzianismus abgefragt. Um zu bestehen, mussten die Kandidaten in harten Jahren des Studiums über 400.000 Zeichen lange Texte auswendig lernen. Die Beamtenkaste bestand also aus Menschen, die sich vor allem durch Fleiß und Konformismus hervorgetan hatten und weit weniger durch Innovationlust und Einfallsreichtum. Ende des 16. Jahrhunderts brachten Jesuiten die abendländische Mathematik nach China. Das wohl einflussreichste antike Buch der abendländischen Mathematik, die „Elemente“ von Euklid, wurde 1607 ins Chinesische übersetzt. Es weckte schnell das Interesse der chinesischen Mathematiker; die einheimische mathematische Entwicklung in China brach daraufhin fast vollständig zusammen. Von nun an näherte sich die chinesische Mathematik der europäischen an, doch war der Vorsprung der Europäer immens und die pädagogische Anpassung in China zunächst eher langsam.

Im 19. Jahrhundert kam die Zeit der chinesischen Stabilität durch den wachsenden Einfluss Europas zu einem plötzlichen Stopp, und für das Land der Mitte begann eine 150 Jahre währende Periode des Leidens, als es einer vergleichsweise kleinen Gruppe englischer Soldaten im Opiumkrieg ab 1839 gelang, die technologische und militärische Unterlegenheit Chinas im Vergleich zu Europa für ausländische wie einheimische Beobachter unübersehbar werden zu lassen. Es folgten kolonialistische Erniedrigung des Landes, seine Eroberung durch Japan, Bürgerkrieg und kommunistische Schreckensherrschaft. Erst seit ca. 30 Jahren befindet sich das Land in einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufschwung mitsamt technologischem Ausbau. Dieser läuft allerdings mit einer Geschwindigkeit ab, die auch Beobachtern im Westen den Atem stocken lässt. Dabei wird gerade in den letzten Jahren immer klarer: Auch und gerade in der technologischen Leistungsfähigkeit hat China im Vergleich zum Westen deutlich aufgeholt und sich vom traditionellen «Copy-paste»-Land zu einem den USA und europäischen Ländern auf vielen Gebieten ebenbürtigen globalen Player bei der Entwicklung zukünftiger Technologien entwickelt.

In der Wissenschaft bzw. Grundlagenforschung hat China bisher allerdings keinen allzu grossen Beitrag geleistet. Dennoch gilt das Land als zukünftige technologische Supermacht. Folgen hier bald die chinesischen Nobelpreise und Fields-Medaillen, und zeigt sich damit, dass auch geschlossene Gesellschaften Spitzenleistungen auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften hervorbringen können? Oder vermag auch China das historische Muster nicht zu durchbrechen, dass die beste Wissenschaft in offenen Gesellschaften geleistet wird? Und hat sich so der technologische Fortschritt vom wissenschaftlichen abgekoppelt aufgrund der Tatsache, dass neue wissenschaftliche Einsichten nahezu instantan global öffentlich gemacht werden? Bisher sieht es eher so aus, dass die erste Frage eher mit „Nein“ und die letzten beiden mit „Ja“ beantwortet werden müssen.

13 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Bernd Ehlert
    Januar 1, 2022 1:55 pm

    „Folgen hier bald die chinesischen Nobelpreise und Fields-Medaillen, und zeigt sich damit, dass auch geschlossene Gesellschaften Spitzenleistungen auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften hervorbringen können?“

    Ich würde diese Frage zumindest in Teilen mit „Ja“ beantworten. Natürlich wird es in China keine Spitzenleistungen in den Bereichen geben, die das System dieser Gesellschaft gefährden. Doch das trifft, wie ich nachfolgend noch zu begründen versuche, auch in Teilen auf unsere (scheinbar?) „offene Gesellschaft“ zu.
    In religiös dogmatisch bestimmten und darin geschlossenen Gesellschaften, wie auch unserer eigenen Gesellschaft vor der Aufklärung, wird alles weltlich Neue als Gefahr und daher als nutzlos für die metaphysischen Ziele angesehen und wird daher verboten. Doch warum soll es in einer politisch geschlossenen Gesellschaft keine Spitzenleistungen in den Bereichen geben, die in dieser geschlossenen Gesellschaft erwünscht sind, wie es etwa schon bei der Raketen- oder allgemein Militärtechnik bei den Nazis der Fall war? Ganz im Gegenteil kann die Unterstützung solcher Forschung in geschlossenen Gesellschaften sogar weitaus höher und effektiver ausfallen als in offenen Gesellschaften, etwa wenn in den offenen Gesellschaften große Widerstände gegen eine Forschung im militärischen Bereich oder etwa der Embryonenforschung auftreten. Da besitzen geschlossene, diktatorisch regierte Gesellschaften einen großen Vorteil, auch wenn diese Art der Forschungen und Erfolge dann natürlich nicht unbedingt nobelpreistauglich sind.

    Ich möchte in diesem Zusammenhang ein Beispiel dafür geben, dass es auch in unseren offenen Gesellschaften Bereiche gibt, in denen man zwar frei sprechen und sich äußern kann (was natürlich auch schon ein großer Wert ist), denen sich die Gesellschaft aber aus anderen Gründen „verschließt“. Das betrifft das Ergebnis der Quantenphysik, nämlich dass sie letztlich die Realität der Materie und damit die unserer gesamten Welt nicht bestätigen kann. Was bedeutet das eigentlich weltanschaulich und philosophisch? Zwar ist das eine Zeit lang mit dem Gedankenexperiment „Schrödingers Katze“ in der Physik diskutiert worden, doch einer weiteren Forschung in Richtung dieses Verständnisses hat man sich „verschlossen“.

    Derjenige, der sich einem solchen Verständnis im Jahr 2014/2015 „geöffnet“ hat, war der Philosoph und Platoniker Jens Halfwassen mit seinem Beitrag zum Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg „Warum der reduktionistische Naturalismus unmöglich richtig sein kann“ (https://www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de/md/einrichtungen/mk/publikationen/mk_jb_14_15_12_warum_der_reduktionistische__naturalismus_unmoeglich_richtig_sein_kann.pdf).
    Doch leider erlebt man als aufgeklärter Mensch trotz dieser „Öffnung“ von Halfwassen eine andere Art der „Verschlossenheit“ in seinem Beitrag, da Halfwassen darin tatsächlich versucht, die platonischen metaphysischen Vorstellungen insbesondere einer unsterblichen Seele mit Hilfe der Quantenphysik zu begründen. Das ist umso bedauernswerter, da Halfwassen andererseits in seinem Buch „Platon und der Neuplatonismus“ Argumente und Zitate dafür liefert, die eine viel konstruktivere Verbindung von Neuplatonismus, Idealismus und den Ergebnissen der Quantenphysik zulassen. (Ich habe das in einem Amazonkommentar zur 2020 erschienenen Neuauflage seines Buches versucht darzustellen).

    Warum könnte eine Beschäftigung oder „Öffnung“ gegenüber einer neuplatonisch-idealistischen Interpretation der Ergebnisse der Quantenphysik in der heutigen „offenen Gesellschaft“ mit ihren so vielfältigen Problemen wie Klimawandel, Massenvernichtungswaffen usw. wichtig sein? „Wir“ als Sein und Wesen in dieser Welt können zunächst gar nicht anders, als diese Welt mit ihrem vielfältigen Sein als real anzusehen, genauso wie wir im Alltag trotz der Kopernikanischen Wende immer noch sagen, dass die Sonne es ist, die auf- und untergeht. Doch was ist, wenn in einer letztendlichen Hinsicht das materielle Sein und damit unsere gesamte Welt tatsächlich nicht real vorhanden ist, was als der gemeinsame Kern von Neuplatonismus und Idealismus angenommen werden kann und was die Quantenphysik zumindest nahelegt?
    Das würde dann vor allem unseren gegenwärtigen Versuch betreffen, uns mit den immer weiter anwachsenden Möglichkeiten der modernen Technik (möglicherweise auch der Massenvernichtungswaffen!) in dieser Welt zu vervollkommnen und zu verwirklichen. Im gegenwärtigen Paradigma unseres Weltbildes des absoluten Realismus besitzen wir selbstverständlich die Erwartung, dass die gegenwärtige Entwicklung für unser als so real angesehenes Sein nur gut und richtig sein kann – und „verschließen“ uns von daher selbst begründeten Erkenntnissen, die das anzweifeln. Es könnte sein, dass wir in der weiteren Entwicklung in unserem begrenzten Lebensraum mit diesem Weltbild und Selbstverständnis eine ähnlich große Überraschung erleben werden wie mit den Ergebnissen der Quantenphysik bezüglich der Realität der Materie. In einer wirklich „offenen Gesellschaft“, die darin nicht von bestimmten Interessen und einem bestimmten Paradigma „umschlossen“ wird, ließe sich das elegant auf geistige Weise lösen. Denn die dazu nötigen Hinweise oder gar Beweise liegen schon lange vor.

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  • Dr. Jürgen Siemer
    Januar 3, 2022 3:32 pm

    Die Universität Paris wurde im Jahre 1150 gegründet (es werden jedoch auch andere Jahreszahlen genannt).

    Die Universität Paris ist eine Gründung der katholischen Kirche. Neben Theologie, Philosophie und Grammatik/Rethorik wurde dort von Anfang an auch Mathematik, Astronomie und Musik unterrichtet.

    Die Methode der „Disputationes“, der kontroversen Diskussion von bestimmten Themen nach festgelegten Regeln, die den gegenseitigen Respekt, das Zuhören und Aufeinander-Eingehen sicherstellen sollen, ist an dieser Universität entwickelt worden. Der Vatikan hat dabei auf Latein als Universitätssprache bestanden, um den Austausch von Wissenschaftler und Studenten in ganz Europa zu fördern.

    Das wissenschaftliche Denken wurde also nicht im frühen 17. Jahrhundert „erfunden“.

    Interessant ist die Frage, warum die europäischen Universitäten – eine Erfindung der katholischen Kirche – so viel zum Fortschritt der Menschheit beigetragen haben, während andere Universitäten, wie z.B. die Kairoer Al-Azhar-Universität so unfruchtbar geblieben sind.

    Ich denke, es liegt in der Tat an unserer Religion. Gott ist „Logos“ – Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Gott kann damit nicht willkürlich und unlogisch handeln und damit ist auch seine Schöpfung durch Logik und wissenschaftliche empirische Forschung zu erschliessen.

    Allah ist dagegen „der absolut freie Wille“ – unbeschränkt durch Logik aber auch willkürlich, und ebenso ist es, aus Sicht des Moslems, die Schöpfung. Daher lohnt sich aus Sicht eines Moslems rationale Wissenschaft nicht.

    Und heute: Unsere europäische Welt verabschiedet sich immer mehr vom Christentum.

    Verabschiedet sie sich dabei nicht bereits auch langsam von Logik und empirischer Wissenschaft? Als prominente Beispiele möchte ich nennen, die offensichtlich absurden Theorien zu Multiversen und auch unsere Covid-Psychose.

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    • Lieber Herr Siem,er

      Danke Ihnen für Ihr interessantes Feedback. Ob die Uni in Paris 1150 bereits wissenschaftlich arbeitete, ist fraglich. Aber in der Tat entstand in dieser Zeit erster Ansatz kritischen und reflektorischen Denkerns (an spricht da auch von einer Frührennaissance). Massgeblich dazu beigetragen hat Peter Abaelard (gest. 1142) mit seiner kritischen Denkweise (leider massiv unterdrückt von der katholischen Kirche, besonders vom reaktionären Bernard von Clairvaux.

      Beste Grüsse

      Lars Jaeger

      Antworten
  • Dr. Juergen Siemer
    Januar 3, 2022 8:45 pm

    Nun sind Sie in der Pflicht zu belegen, dass es im Jahre 1150 oder davor nur Ansätze oder gar gar kein kritisches und reflektorisches Denken gegeben hat.

    Warum sollten unsere Vorfahren nicht in der Lage gewesen sein zu denken oder „reflektorisch“ zu denken?

    Wie Paulus schon sagt, jeder ist in der Lage, von der Schöpfung auf einen Schöpfer zu schliessen. Paulus geht hier offensichtlich und ganz selbstverständlich von der Fähigkeit des Menschen aus, intelligent und selbstreflexorisch, wenn sie so wollen, zu denken.

    Es ist nicht eine Frage des Könnens sondern des Wollens. Wir Menschen wollen oft nicht, weil wir unsere egoistischen Interessen haben.

    Antworten
    • Natürlich gab es 1150 (eben mit Peter Abaelard) sehr gutes refkletorisches Denken. Und im antiken Griechenland erst recht (von 400 bis 1100 leider eher wenig in Europa, im Gegensatz zum Vorderen Asien). Aber die systematischen experimentellen Methoden sind doch etwas Modernes (mit Ausnahmen, wie z.B. Alhazen, aber eben im ägyptischen bzw. heutigem irakischem Raum), sowie auch die Verwendung (und Weiterentwicklung) der Mathematik, um Naturgesetze zu erfassen. Das begann eben erst im 17. Jahrhundert.

      Beste Grüsse
      Lars Jaeger

      Antworten
    • Bernd Ehlert
      Januar 4, 2022 8:56 am

      Wissenschaftliches Denken ist die Überwindung des metaphysischen Denkens und somit schon mit der alten griechischen Philosophie und der damaligen Aufklärung entstanden. Leider wurde diese Aufklärung durch das Christentum beendet, wodurch wieder das metaphysische Denken und der Aberglaube an Wunder, übernatürliche Wesen und Kräfte eingeführt wurde. Erst mit der Renaissance in der neuzeitlichen Aufklärung konnte die moderne Naturwissenschaft mit ihren überwältigenden Erfolgen entstehen.
      Traurig, andererseits aber von der Evolution des Menschen her gesehen äußerst interessant, dass, wie aktuell besonders an der Verschwörungsmythikern der Impfverweigerer und Trump-Anhänger zu sehen, immer noch viele Menschen an metaphysischen Weltbildern hängen.

      Antworten
      • Da stimme ich Ihnen zu. Aber mit der Empirie und den mathematischen Anwendung in der Formulierung von Naturgesetzen sahen wir in der Antike halt auch nicht so viel (Ausnahme Archimedes). Zu Ihrem Kommentar, dass „viele Menschen an metaphysischen Weltbildern hängen“: Das ist leider so, hat aber ebenso eine lange Tradition (übrigens auch unter Naturwisssenschaftlern, wie z.B. denen, die am Ende des 19. Jahrhundert den Atombegriff oder den Zufall in der Natur ablehnten und an die absolute Richtigkeit des Newton’schen Gesetzes glaubten).

        Antworten
        • Bernd Ehlert
          Januar 4, 2022 9:30 am

          „Aber mit der Empirie und den mathematischen Anwendung in der Formulierung von Naturgesetzen sahen wir in der Antike halt auch nicht so viel (Ausnahme Archimedes).“

          Ja, natürlich sind wir in diesem Bereich weiter, was dann u.a. zur Quantenphysik geführt hat. Nur geistig gesehen waren meiner Meinung nach die alten Philosophen weiter, was ich mit der Verbindung der rätselhaften Quantenphysik mit den alten Erkenntnissen über das letztendliche Wesen dieser Welt zu begründen versucht habe.

          Antworten
  • Dr. Juergen Siemer
    Januar 4, 2022 1:39 pm

    Hier eine gerade gefundene Definition der wissenschaftlichen Methode: „Die wissenschaftliche Methode ist ein systematischer Prozess, der zu neuen Erkenntnissen führt, die auf Basis von Beobachtungen, Experimenten, Analysen und Kritik entstehen. Dieses Wissen gilt so lange als anerkannt und gesichert, bis neue Erkenntnisse oder Erfahrungen es ergänzt oder widerlegt. “

    Im Grunde eine strukturierte Vorgehensweise, die im Kern Versuch und Irrtum / Trial and Error enthält, woraus man lernt. Im Mittelalter und in der Antike haben die Menschen auch gelernt. Zwar konnten weniger Menschen lesen und schreiben., und es wurde weniger dokumentiert. Dokumentation befördert den Lernprozess. Aber „dumm“ waren die Menschen nicht.

    Aber Sie, Herr Ehlert und Herr Jäger, konstruieren einen Gegensatz zur Religion, den weder die wissenschaftliche Methode noch das Christentum hergibt. Um diesen Gegensatz geht es Ihnen offenbar, nämlich den zwischen Materialismus und Theismus.

    „Wissenschaftliches Arbeiten“ oder auch „Lernen aus Erfahrung“ ist aber wohl weder für die Menschen des Mittelalters noch der Antike ein Problem gewesen. Warum denn auch? Meinen Sie wirklich, ein mittelalterlicher Mönch habe einen prinzipiellen theologischen Konflikt in seiner wissenschaftlichen Arbeit gesehen? Wenn Sie das von den vielen Technologen, Innovatoren und Wissenschaftlern unter den Menschen in den Klöstern glauben (ich sage bewusst glauben), dann sind sie naiv.

    Natürlich gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Hypothesen, die der Bibel widersprechen, v.a. Genesis. Aber hier ist das letzte wissenschaftliche Wort noch nicht gesprochen.

    Natürlich ist die Auferstehung Jesu ein klarer Verstoss gegen naturwissenschaftliche Gesetze. Deshalb wird die Auferstehung von der Kirche ja auch als Wunder und Dogma kategorisiert / definiert. Wir können dieses Wunder nicht durch einen neuen Mord und eine neue Auferstehung im Labor beweisen – unmöglich. Wir können nur die Zeugenaussagen untersuchen, derjenigen, die dabei waren, und derjenigen, die eine „Offenbarung“ erhalten.

    Ich bekenne, ich glaube an dieses Wunder, und wenn ich mich hier irre, dann bin ich ein Idiot.

    Aber Sie stecken in dem gleichen Dilemma, denn Sie beide glauben ebenfalls an ein Wunder: nämlich, nehme ich an, den Urknall. Im Urknall ist aus Nichts ein Etwas entstanden. Ist das nicht naturwissenschaftlich unmöglich? (Bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit der absurden Multiverse-Hypothese, denn diese verschiebt das Problem nur, löst es aber nicht.) Also ebenfalls: ein Wunder!

    Nun, in meiner Welt gehen Wunder auf die bewusste Entscheidung einer übernatürlichen Person zurück. in meinem Glauben ergibt sich so eine inherente Konsistenz.

    Ihr Wunder war dagegen nur Zufall – ohne Sinn und Zweck. Was für ein „idiotisches“ Wunder!

    Und zwei letzte Fragen kann ich mir nicht verkneifen:

    Wenn Sie – da Sie offenbar Materialisten sind – postulieren, dass es jenseits von Molekülen und Atomen und den Naturgesetzen, die deren Bewegungen beschreiben, nichts gibt, dann frage ich Sie:

    Haben Sie einen freien Willen?

    Und:

    Wieso vertrauen Sie Ihren eigenen Gedanken und Gefühlen soweit, dass Sie meinen, Ihre Mitmenschen damit beglücken zu müssen?

    Antworten
    • Bernd Ehlert
      Januar 5, 2022 9:31 am

      Ich möchte aus freiem Willen Ihre beiden Fragen folgendermaßen beantworten:

      Solange ich mich als Person empfinde, habe ich einen freien Willen, obwohl ein Neurologe mit einem Gehirnscan, den er vollständig richtig deuten könnte, wohl alle meine Handlungen voraussagen könnte. Menschlicher »Geist« gründet so auf neurologischen oder materiellen Prozessen und ist ein ähnliches Phänomen wie »Farbe«, das ich bei bestimmten Lichtwellenlängen empfinde. Wenn ich diese Freiheit des Willens nicht empfinden würde, etwa in diesem Fall Ihnen zu antworten oder nicht, so würde ich mich damit auch nicht mehr als Person und geistig empfinden, sondern als Maschine und genauso muss ich auch anderen Personen Freiheit in ihren Handlungen unterstellen (ansonsten würde unsere Gesellschaft und insbesondere unser Rechtssystem nicht mehr funktionieren). Ich meine, mich hier in Übereinstimmung mit Kant zu befinden, wenn dieser über die Willensfreiheit sagt:
      „Ein jedes Wesen, das nicht anders als unter der Idee der Freiheit handeln kann, ist eben darum, in praktischer Rücksicht, wirklich frei, d.i. es gelten für dasselbe alle Gesetze, die mit der Freiheit unzertrennlich verbunden sind, eben so, als ob sein Wille auch an sich selbst, und in der theoretischen Philosophie gültig, für frei erklärt würde“ und: „Der Mensch handelt nach der Idee von einer Freiheit, als ob er frei wäre, und eo ipso ist er frei“.

      Zu Ihrer zweiten Frage: Objektive Wahrheiten befinden sich nicht nur in Übereinstimmung mit empirischen Versuchen, sondern sie widersprechen auch einander nicht, sondern bestätigen einander und ergänzen sich vielmehr. Physikalische und chemische Gesetze widersprechen so etwa nicht der Evolution der Lebewesen, ganz im Gegenteil. Wenn Sie dagegen argumentieren, dass auf „Zeugenaussagen“, denen eine metaphysische „Offenbarung“ zuteil wurde, zu setzen ist, warum wählen Sie dann nur eine einzige bestimmte dieser Offenbarungen aus und ignorieren die Millionen anderer Offenbarungen übernatürlicher Kräfte und Magien? Alle diese metaphysischen Annahmen haben nur eines gemeinsam, nämlich dass sie alle miteinander im Widerspruch stehen. Und selbst Ihre ausgewählte Offenbarung des Christentums war von Anfang an in sich gespalten und spaltete sich in ihrer Geschichte weiterhin.

      Daher ist die moderne Wissenschaft ein riesiger, in sich widerspruchsfreier Prozess, die Welt zu verstehen und dieser Prozess lebt von der Diskussion und konstruktiven Auseinandersetzung, während die Religion es nicht einmal schafft, ihre eigenen Widersprüche zu überwinden, ganz zu schweigen von den Widersprüchen zu anderen, ebenfalls von Zeugenaussagen eindeutig belegten Offenbarungen.
      Wunder, Zauberkräfte, Magie usw. haben sich mit ihren metaphysischen Ansätzen in diesem Prozess der modernen Wissenschaft als unfähig erwiesen, d.h. die moderne Wissenschaft ist erst dadurch zur modernen Wissenschaft geworden, indem sie diese metaphysischen Dinge in der Welt kategorisch ausgeschlossen hat.

      Von daher stellt sich hier nicht die oder Ihre Frage, warum sich Menschen auf dieser Grundlage der modernen Wissenschaft austauschen bzw. wie Sie es ausdrücken, einander „beglücken“, sondern es stellt sich hier die Frage, warum Sie dieses Forum mit metaphysischen Dingen einer Auferstehung oder eines personalen Gottes „beglücken“? Genauso gut könnte jemand hier sagen, dass es durch Zeugenaussagen eindeutig belegt ist, dass es mit Hilfe magischer Rituale und Formeln möglich ist, Löffel zu verbiegen, Gold herzustellen oder Menschen fliegen zu lassen. Kennen Sie nicht das Grundprinzip und Fundament der modernen Wissenschaft, nämlich dass sie metaphysisches Wirken in der Welt kategorisch ausschließt und dass sie damit einen überwältigenden Erfolg verbuchen konnte? Warum sollte die aufgeklärte moderne Wissenschaft mit all ihren überwältigenden Erfolgen wieder ins dunkle Mittelalter mit seinem Glauben an personale Götter, jungfräuliche Geburten, Auferstehungen, Himmelfahrten, Teufel, Hexen usw. zurückfallen?

      Antworten
      • Dr, Juergen Siemer
        Januar 5, 2022 1:30 pm

        “ Solange ich mich als Person empfinde, habe ich einen freien Willen, obwohl ein Neurologe mit einem Gehirnscan, den er vollständig richtig deuten könnte, wohl alle meine Handlungen voraussagen könnte.“
        – Weil Sie so empfinden, glauben Sie also, einen freien Willen zu haben. Gleichzeitig gehen Sie davon aus, dass man alle ihre Handlungen voraussagen könnte. Ja, was denn nun??? Es ist schon eine Kunst sich selbst gleich im ersten Satz so zu widersprechen !

        Obwohl Sie so eigentlich die Basis zerstört haben, die Diskussion mit Ihnen fortzuführen, will ich noch folgendes ergänzen:

        1. Zu den Zeugenaussagen: Nun, ich habe die Zeugenaussagen in der Tat, so gut ich konnte, geprüft, habe viele Bücher gelesen und mit Theologen und Atheisten diskutiert. Natürlich kann ein Zeuge, der tatsächlich ehrlich berichtet, was er meint gesehen zu haben, trotzdem Unsinn erzählen. Wie in jedem Gerichtsprozess ist die Prüfung der Zeugen aber ein wichtiger und notwendiger Teil des Prozesses.

        2. Die Glaubhaftigkeit der Zeugenaussagen wird durch Prophezeiungen erhöht. Wenn Sie einen guten Bibelkommentar lesen, können Sie über 200 Prophezeihungen aus dem AT studieren, die sich auf Jesus beziehen. Ich persönlich finde Daniel am interessantesten, der wahrscheinlich für die Messiaserwartungen zur Zeit Jesu verantwortlich ist. Aber auch Jesus selbst hat Prophezeiungen gemacht, die seine eigene Glaubwürdigkeit belegen. Eindrücklich ist neben der von Ihm angekündigten Auferstehung ist auch die über die Zerstörung des Tempels, nach der kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Diese ist ja wortwörtlich so eingetroffen, die heute noch vorhandene Klagemauer ist nicht Teil des Tempels sondern eines Umfassung des Felsens, auf dem der Tempel errichtet wurde. Solche korrekten Prophezeiungen sind meiner Meinung nach ebenfalls notwendig. Welche andere Religion kann da etwas ähnliches vorweisen?

        3. Der von Ihnen behauptete kategorische Ausschluss des Metaphysischen als Fundament der modernen Wissenschaft existiert nicht. Da irren Sie. Die Physik ist dagegen für die Metaphysik nicht zuständig, kann und will diese nicht abdecken.

        Ja es ist doch so: Zwar kann man das Metaphysische logisch ableiten, von der Schöpfung auf den Schöpfer schliessen. Ein Beweis für das Metaphysische muss aber zwingend ein metaphysisches Ereignis, ein Wunder, sein. Dies a-priori auszuschliessen, wie Sie es hier tun, ist gleichbedeutend mit dem absichtlichen Schliessen der eigenen Augen, nicht sehen zu wollen, was man nicht sehen will.

        Die auch von Ihnen vorgetragene Arroganz, die sich z.B. darin äussert, sich selbst als aufgeklärte moderne Wissenschaftler und unsere Vorfahren und die gläubigen Wissenschaftler (ja davon gibt es auch heute noch einige) als Abergläubige, die im dunklen Mittelalter lebten, zu klassifizieren, ist nicht angebracht und auch nicht begründet.

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  • Die Ich-Vorstellung und damit auch der mit dieser Ich-Vorstellung untrennbar verbundene freie Wille existiert nur in den Reflexionen – was durch das Libet-Experiment empirisch bestätigt wird. Dass Sie das von Ihrem metaphysischen Ansatz her nicht nachvollziehen können, ist klar.

    Aktuell sind für die moderne Wissenschaft die modernen Glaubensformen höchst interessant, wie etwa der QAnon-Glaube oder die Unvernuft der Impfskeptiker. Wie besonders in den USA ersichtlich, gefährden diese Weltbilder die Demokratie und damit die weitere kulturelle Evolution des Menschen.
    Warum feiert 200 Jahre nach der Aufklärung der Aberglaube in diesen neuen Formen „fröhliche Urständ“? Das zeigt, dass die Erforschung der Natur des Menschen nicht nur von theoretischem Interesse ist, sondern ganz praktisch überlebensnotwendig – und zu dieser Erforschung der Natur des Menschen gehören dann auch die herkömmlichen Religionen mit ihren angeblichen übernatürlichen „Wundern“, sowie die Vorläufer dieser Glaubensarten. Das magische und metaphysische Denken ist so alt wie der Menschen selbst, d.h. seit seiner Entstehung aus dem Tier-Sein.

    Die weiteren Antworten dazu sind in der Evolutionsbiologie zu finden, vor allem ist dabei zu berücksichtigen, dass das Entscheidende dieser abstrusen Weltbilder nicht auf der neuronalen sondern der emotionalen Ebene stattfindet. Dass das so grundlegend ist, dass es nicht nur die Metaphysik des Glaubens und Aberglaubens sowie heute die Unvernunft der Verschwörungsmythiker und Impfgegner betrifft, verdeutlicht ein Zitat des kürzlich verstorbenen Evolutionsbiologen Edward O. Wilson:
    „In unseren Emotionen aber sind wir nicht einmalig. Dort findet sich, wie in unserer Anatomie und im Gesichtsausdruck, was Darwin den unauslöschlichen Stempel unserer tierischen Vorfahren nannte. Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz.“ (Wilson 2013, „Die soziale Eroberung der Erde“, S. 23).

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  • Dr. Jürgen Siemer
    Januar 18, 2022 1:38 pm

    Nun attestieren Sie anderen Menschen, die in rein naturwissenschaftlichen Fragen zu anderen Antworten kommen, Aberglauben.

    Es ist schon fast zum Schmunzeln: Sie reden wie ein Priester, der gegen religiöse Häresien ankämpft.

    Da Ihr Denken, Ihr Geist, Ihre Seele, aber keine Maschine ist, die von einer Unmenge von Zufällen gesteuert wird, wie z.B. der Zusammensetzung Ihrer Gene, Ihrem Blutdruck oder der Lufttemperatur in der Höhe Ihres Kopfes, weiss ich, dass Sie die Möglichkeit haben, allein durch Nachdenken (Sie können es gern „Reflektieren“ nennen, was keine Illusion ist.) zu einer anderen Schlussfolgerung zu kommen. Denken Sie also bitte noch einmal nach. Es kann sich lohnen.

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