„Quantenheilung“, „Quantenresonanz“, „Quantenbewusstsein“ – die Liste der Beteuerungen und Versprechungen, die mit dem Präfix „Quanten-“ daherkommen, ist lang. Die Beschäftigung mit Quanten hat sich in den letzten Jahren zu einem florierenden Geschäftszweig entwickelt. Hier werden große Versprechen abgegeben, von Wunderheilungen, der perfekten Liebesbeziehung, bis hin zur Erfassung der letzten Geheimnisse durch die Verbindung und Quantenphysik und Spiritualität. „Quanten“ ist unterdessen die perfekte Bezeichnung für so ziemlich alles ist, was sich eigentlich nicht bezeichnen lässt. Da sich die Protagonisten dieser Begriffe zumeist kaum mit der echten Quantenphysik auskennen, müssen sie sich selten für ihr Unwissen rechtfertigen. Das macht den „Eso-Mix für Denkfaule“ perfekt. Als intellektueller Pate der Quantenmystik dient dabei das Phänomen der Verschränkung: „Weit voneinander entfernte Quantenteilchen können physikalisch miteinander verbunden (verschränkt) sein.“ Daraus wird dann: „Alles hängt mit allem zusammen“. Es sind solche Sätze, die die nach Mystik lechzenden Herzen der Esoteriker höherschlagen lassen.

Um es deutlich zu sagen: Das ist irrsinniger Blödsinn und ein Paradebeispiel für einen Sprung von der Klarheit einer kohärenten und empirisch validierten Physik direkt ins Mystische, ganz ohne argumentative oder diskursive Verbindung. Hiess es früher, wenn man nicht mehr weiter wusste, „Die Wege des Herrn sind unergründlich“, so sagen die Quantenesoteriker heute: „Die Quantentheorie zeigt, dass …“. Dabei blickt die postphysikalische Quantenbewegung auf eine jahrzehntelange Tradition zurück. In den 1970er-Jahren verfasste der Physiker Fritjof Capra das Buch Das Tao der Physik, in dem er behauptete, dass der Mystik der alten Inder nichts Geringeres als die Erkenntnisse der modernen Quantentheorie zugrunde liegen – wenn auch verpackt in poetisch-metaphysischer Form. Die von Capra dargelegten Gedanken fielen auf fruchtbaren Boden, sein Buch wurde zu einer neuen Bibel all jener, die nichts sehnlicher wünschten, als die „durch wissenschaftliche Rationalität entzauberte Weltsicht“ (Max Weber) wieder spirituell aufzufüllen. Mithilfe von „Quanten“ wird die Sehnsucht vieler Menschen nach einem möglichst einfachen, fundamentalen, universalen und verbindlichen Weltbild gestillt, auf das man sich immer wieder berufen kann, ohne sich die Mühe geben zu müssen, die Zusammenhänge ganz genau zu untersuchen. Wohlwissend, dass die Quantenphysik bizarr klingende Aussagen macht, folgern die Quantenesoteriker munter, dass alles bizarr Klingende auch zwingend Quantenphysik sein muss. Dass die allermeisten Quanteneffekte fernab von unserem Alltagsleben stattfinden, auf winzig kleinen Distanzen und unvorstellbar kurzen Zeitskalen, und damit sicher nicht im Bereich erfahrbarer menschlicher Spiritualität und unserer alltäglichen Lebenserfahrung, stört die wenigsten von ihnen.

Dies stört auch nicht den selbsterklärten „weltweit führenden Wirtschaftsphilosophen“ und von den Medien auch als „Rock-n-Roll Plato“ bezeichneten Anders Indset. Ungeniert erweitert dieser die Quantenszene um eine neue Dimension: „Quantenwirtschaft“ heisst sein neues Buch, das sich unterdessen auf die Bestsellerlisten gearbeitet hat. „Was kommt nach der Digitalisierung?“ wird im Untertitel gefragt. Das macht neugierig. Erfährt der Leser oder die Leserin vielleicht, wie die zweite Quantenrevolution mit Nanotechnologien und Quantencomputern konkret eine neue industrielle Revolution auslöst, die der vierten, der digitalen folgt? Mitnichten. Quantencomputer und Nanotechnologien finden bei Indset zwar Erwähnung, aber wie sie funktionieren und wirken, darüber lässt uns der Autor im Dunklen. Stattdessen fordert er uns programmatisch auf, die „Quantenbrille“ aufzusetzen und damit zu erkennen, dass die Quantenwirtschaft, die uns bevorsteht „auf der Erkenntnis beruht, dass alles mit allem zusammenhängt und sich gegenseitig beeinflusst“. Wir sollten die Dinge doch endlich „ganzheitlich betrachten“. So wird bereits in der Einleitung klar, wo der Hase bzw. das Buch langläuft. Seine Grundthese lautet, wie im ersten Kapitel bereits formuliert, dass „unser Bewusstsein und unsere sozialen Prozesse durch quantenphysikalische Prinzipien wie Nichtlokalität und Verschränkung geprägt sind“. Bei solchen Sätzen könnte bei so manchem Leser oder so mancher Leserin, die sich tatsächlich mit Quantenphysik und/oder Wirtschaft auskennt, der Eindruck entstehen, das Buch mache sich zum Ziel, die quantenesoterischen Bewegung zu parodieren, und er oder sie freut sich auf weitere fast dreihundert unterhaltsame Seiten.

Doch die Ernüchterung folgt schon bald: Der Autor meint es tatsächlich ernst! Und es wird noch schlimmer: Was folgt sind mehr als 300 Seiten Geschwafel ohne jegliche sachliche Argumentation und logisches Schliessen. Die Begründungen, die Indset liefert, sind fast immer fehlerhaft, es werden Zusammenhänge suggeriert, die keine sind, Vermutungen und Meinungen werden als Tatsachen verkauft und durch das Verweisen auf irgendwelche dubiosen Experten gestützt (wie beispielsweise auf den „Schweizer Selfmade-Physikers“ Nassim Haramein). Dass der Autor dabei in teils abenteuerlicher Kürze argumentiert (Beispiel: „In der Quantenwirtschaft haben wir keine Energieprobleme mehr“, S. 246) macht es selbstredend nicht besser. Es fehlt auch nicht an ärgerlichen faktischen Falschaussagen. So hat der Ökonom Thomas Piketty nie einen Nobelpreis erhalten (S. 79); jemand der eine Million Bitcoins besitzt ist auch bei einem Kurs von 100’000 Euro pro Bitcoin kein Trilliardär und damit auch kein „Herrscher der Welt“, sondern mit 100 Milliarden „nur“ so reich wie der reichste Mann der Erde heute, S. 137; René Descartes war historisch gesehen kein „Aufklärer“ sondern starb bereits 1650, also vor dem Zeitalter der Aufklärung (S. 209); der Titel von Newtons Hauptwerk ist nicht korrekt zitiert, S. 210; und das lateinische Wort „obsoletus“ – mit „Homo obsoletus“ soll der durch künstliche Intelligenz „überflüssige Mensch“ beschrieben werden (S. 227) – übersetzt sich nicht mit „überflüssig“, sondern mit „abgenutzt“ (Indset sollte in diesem Zusammenhang von „Homo abundans“ sprechen). Die Liste liesse sich fortsetzen. Dazu kommen falsche Zitate (Beispiel: Weder Einstein noch Sokrates sagten je „Ich weiss, dass ich nichts weiss“, S. 169). All dies verstärkt den Eindruck fehlender Seriosität. Dem unbedarften Leser werden umfassend falsches Wissen vermittelt, Zusammenhänge suggeriert, die nicht existieren, und Fakten verkauft, die keine sind.

Dem Autor fehlt offensichtlich jegliche Sachkenntnis zur Quantenphysik und zu wirtschaftlichen Zusammenhängen, was er mit teils haarsträubenden Ausführungen zu beiden Themen immer wieder unter Beweis stellt. Beispiele: Die Gesetze der Quantenphysik und ihre Prinzipien seien „nicht rational“ und ähneln einer „Lotterie“, behauptet er auf S. 171/172; auf S. 174 findet sich gar die Aussage „das Fundament der Quantenmechanik ist die Unvorhersagbarkeit“ (tatsächlich verhalten sich die Zustände der Quantenwelt, die Wellenfunktionen, nach vollkommen deterministischen Gesetzen); auf S. 180 lässt er sich darüber aus, dass Quantenbits „doppelt so viele Informationen pro Zeiteinheit verarbeiten können wie klassische Bits“ (es ist völlig unklar, woher der Faktor zwei kommt). So ist es dann auch kaum überraschend, dass es bei Indset auch gleich von der Quantentheorie zu „kosmischen Energiefeldern“, einem „kollektivem Bewusstsein“ und anderen spirituellen Konzepten geht (S. 179). Zu Fragen der Wirtschaft ist es nicht viel besser: Bei ihm schaffen nicht die Zentralbanken das Geld, sondern die Geschäftsbanken (S. 282), und Cash und Geld sind das gleiche (S. 283).

Auch auf dem von ihm als so gefährlich dargestellten Feld der Künstlichen Intelligenz (KI) fehlt es ihm offenbar an elementarem Grundlagenwissen. Nur so kann er die Google-Computer des Jahres 2030 Intelligenzquotienten von 3’200 haben lassen. Auch verwechselt er „starke KI“ mit „schwacher KI“ und bezeichnet Googles AlphaGo als letztere (S. 124), obwohl er später für die starke KI eine weitestgehend korrekte Definition bietet, die wohl direkt von Wikipedia übernommen wurde (S. 188).

Der leichtfertige Umgang mit Fakten, das fehlende Fachwissen, die vielen kaum abgesicherten Suggestionen – all dies wiegt umso schwerer, da einige der Schlussfolgerungen, zu denen Indset im Verlauf seiner wilden argumentativen Reise kommt, durchaus vernünftig (und sympathisch) sind: 1. Wir müssen die Entwicklung der KI genau und kritisch verfolgen; 2. Die kapitalistische Verwertungslogik wird uns bei der Bewältigung der Auswirkungen zukünftiger technologischer Entwicklung nicht weiterhelfen; 3. Wir werden über Dinge wie bedingungsloses Grundeinkommen und eine Maschinenbesteuerung nachdenken müssen; 4. Die „Share-Economy“ ist ein interessantes Paradigma für eine zukünftige Wirtschaft; 5. Kontemplative Achtsamkeitsmeditation hat beachtliches Potential zur Verbesserung unserer mentalen und körperlichen Gesundheit; 6. Wir brauchen nachhaltige Kreislaufwirtschaft anstatt Wegwerfkonsum. Leider werden aber gerade diese Schlussfolgerungen durch Indsets Buch angreifbar. Das ist der echte Schaden, für den der Autor persönlich verantwortlich gemacht werden muss.


“Quantum healing”, “quantum resonance”, ”quantum consciousness” – the list of expressions and promises that come with the prefix “quantum” is long. The occupation with quanta has in recent years developed into a flourishing business. Great promises are made here, from miracle healings, the perfect love relationship, to the discovery of the last secrets through a connection of quantum physics and spirituality. ”Quantum” has become the perfect term for just about anything that cannot be explicitly described. Since the protagonists of these terms are usually hardly familiar with real quantum physics, they rarely have to justify themselves for ignorance. It is thus the ideal esoteric mix for those too lazy to think for themselves. As the intellectual godfather of quantum mysticism serves the phenomenon of entanglement: “Quantum particles that are far apart can be physically connected (entangled) with each other”. This then turns into: “Everything is connected with everything”. It is such sentences that make the hearts of esotericists longing for mysticism beat faster.

To put it bluntly: this constitutes insane nonsense and is a prime example for a leap from the clarity of a coherent and empirically validated physics directly into the mystical, without any argumentative or discursive connection. In the past, when one did not know what to do, he used the expression “The ways of the Lord are unfathomable”. Today quantum esotericists say: ”Quantum theory shows that …”. The post-quantum physical movement looks back on some tradition. Already in the 1970s, the physicist Fritjof Capra wrote The Tao of Physics, a book in which he claimed that the mysticism of the ancient Indians corresponds to nothing less than the insights of modern quantum theory – albeit packaged in some poetic and metaphysical form. Capra’s thoughts fell on fertile ground, his book became a new Bible for all those who wished nothing more than to spiritually replenish the “world view disenchanted by scientific rationality” (Max Weber). With the help of “quanta”, the longing of many people for a world view that is as simple, fundamental, universal and binding as possible, which can be referred to over and over again without having to make the effort to examine things in detail, is satisfied. Knowing well that quantum physics makes bizarre-sounding statements, quantum esotericists cheerfully conclude that everything bizarre-sounding must necessarily be quantum physics. The fact that almost all quantum effects take place far away from our everyday life, at tiny distances and unimaginably short time scales, and thus certainly not in the realm of human life and spirituality, disturbs few of them.

Nor does it disturb Anders Indset, a self-declared “world’s leading economic philosopher”, baptized “Rock-n-Roll Plato” by the media. Indset is unabashedly adding a new dimension to the quantum scene: “Quantum Economics” is the title of his new book, which has meanwhile worked its way onto the bestseller lists. The subtitle asks: “What comes after digitalization”. That arouses curiosity. Will the reader perhaps find out how the second quantum revolution with nanotechnologies and quantum computers is triggering a new industrial revolution that follows the fourth, the digital one? Not at all. Quantum computers and nanotechnologies are mentioned by Indset, but the author leaves us in the dark about how they concretely work. Instead, he programmatically calls on us to put on the “quantum glasses” and thus to recognize that the quantum economy that lies ahead of us “is based on the realization that everything is connected to everything else and influences each other”. We should finally “take a holistic view on things”. Thus, already in the introduction it becomes clear where the line of argument is going. The book’s basic thesis, as already formulated in the first chapter, is that “our consciousness and our social processes are shaped by quantum physical principles such as non-locality and entanglement”. With such sentences, readers who are familiar with quantum physics and/or economics may get the impression that the book aims to ridicule the quantum esoteric movement, and he or she might be looking forward to almost three hundred more entertaining pages along this line.

But the disillusionment soon follows: the author really means what he says! And it gets worse: What follows are more than 300 pages of gobbledygook without any factual argumentation or logical conclusion. The reasoning provided by Indset is flawed in almost every part of the book, contexts are suggested where there are none, assumptions and opinions are sold as facts and supported by reference to some shady “experts” (as for example the “Swiss self-made physicist” Nassim Haramein). The fact that the author often argues in breathtaking brevity (example: “In the quantum economy we have no more energy problems”, p. 246) naturally does not make things any better. There is also no lack of annoying factual misstatements: The economist Thomas Piketty never received a Nobel Prize, p. 79; someone who owns one million Bitcoins at a rate of 100’000 Euro per Bitcoin is not a sextillionaire and thus not a “ruler of the world” but with a net worth of 100 billion “only” as rich as the richest man on earth today, p. 137; René Descartes was historically not a philosopher of the “Enlightenment” but died already in 1650, p. 209); the title of Newton’s main work is misquoted, p. 210; and the Latin word “obsoletus” – “Homo obsoletus” aims at describing the “superfluous man”, made superfluous by artificial intelligence – does not translate to “superfluous” but to “worn out” (Indset should in this context rather speak of “homo abundans”). Adding to all that are wrong quotations (example: neither Einstein nor Socrates ever said “I know that I know nothing”, p. 169). All this further reinforces the impression of a lack of sincerity. The inexperienced reader is provided with excessively false knowledge, relationships that do not exist and facts are sold that are far from being such.

The author obviously lacks any knowledge of quantum physics as well as economics, which he proves again and again with partly appalling discussions on both topics. Examples are: He claims on p. 171/172 that the laws of quantum physics and its principles are “not rational” and resemble a “lottery”, or on p. 174 that “the foundation of quantum mechanics is unpredictability” (in fact, the quantum states, the wave functions, evolve according o entirely deterministic laws), or on p. 180 he states that quantum bits can “process twice as much information per time unit as classical bits” (no idea where Indset gets the factor two from). So, it should not come as a surprise that Indset goes straight from quantum theory to “cosmic energy fields”, a “collective consciousness” and other spiritual concepts (p. 179). The situation is no better in questions of the economy. He lets not the central banks create the money but the commercial banks (p. 282). Furthermore, he considers cash and money as being the same thing (p. 283).

Equally in the field of artificial intelligence (AI), the development of which he portrays as very dangerous for mankind, he obviously lacks elementary basic knowledge. How else can he state the Google computers of the year 2030 will have intelligence quotients of 3,200? He furthermore confuses “strong AI” and ”weak AI” and refers to Google’s AlphaGo as the latter (p. 124), although he later provides a largely correct definition for strong AI, which appears as directly copied from Wikipedia (p. 188).

The frivolous handling of facts, the lack of expertise, the many hardly secured suggestions – all this weighs all the more heavily, as some of the conclusions Indset reaches in the course of his wild argumentative journey are quite reasonable: 1. We have to focus our attention on the development of AI; 2. The capitalist logic of exploitation will not help us to cope with the effects of future technological development; 3. We will have to think about things like an unconditional basic income and a tax on machines; 4. The “share-economy” is an interesting paradigm for a future economy; 5. Contemplative “mindfulness meditation” has considerable potential for improving our mental and physical health; 6. We need sustainable recycling instead of disposable consumption. Unfortunately, Indset’s book makes these very conclusions quite vulnerable. This is the real harm for which the author must be held responsible.

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