Es sind manchmal ganz banale Erlebnisse, Gespräche oder Vorkommnisse, die einem die Augen für die Dramatik gesellschaftlicher Entwicklungen öffnen. Ein beruflich geschätzter Kollege bei der Arbeit, der die Evolutionstheorie anzweifelt („Hinter all der Schönheit und Erhabenheit der Natur muss doch ein grosser Plan stecken“), Internetblogger, die lauthals verkünden, dass die Relativitätstheorie nicht stimmen kann („Das ist doch alles unlogisch, was Einstein gesagt hat“), die Schwiegermutter, die sich vehement gegen das Impfen ihrer Enkelkinder wehrt („Die armen Kinder werden vergiftet, sie werden zu Autisten“) oder der Freund, der sich unerwartet als Klimaskeptiker gibt („Ja, das Klima ändert sich vielleicht, aber Klimaschwankungen hat es schon immer gegeben, das hat nichts mit menschlichen Einflüssen zu tun“). Ein vorsichtiger Einwand, dass in all dieser Hinsicht die Wissenschaft eindeutige Aussagen machen und dass sich die Experten zu 99% einig seien, wird dann mit dem Verweis weggewischt „Ach, die Wissenschaftler, die wissen es doch auch nicht besser. Die sind sich ja gar nicht 100% einig“ oder sogar „Die werden doch dafür bezahlt, dass sie diese Aussagen machen“.

Noch bedenklicher wird es, wenn Menschen in hohen Machtpositionen öffentlich den wissenschaftlichen Konsens anprangern. So glaubt der US-Vize-Präsident Mike Pence nicht an die Evolutionstheorie. Er hält es für eine fundamentale Wahrheit, dass Gott Himmel, Erde und die Ozeane geschaffen hat – und den Menschen auch. Kaum ein vernünftiger, aufgeklärter Mensch zweifelt heute noch an der Evolution. In den 160 Jahren, seit Charles Darwin seine Theorie formulierte, haben Wissenschaftler aus unzähligen Mosaiksteinchen ein konsistentes Bild von der Entstehung der Arten zusammengesetzt. Und trotzdem basteln sich nicht wenige Menschen ihre eigenen Wahrheiten zurecht – und werden dann auch noch in Positionen mit enormer Machtfülle gewählt. Und der Unsinn hört auch nicht bei Adam und Eva auf. Physiker mögen es kaum glauben, aber es gibt eine äussert lautstarke Community von Gegnern der Relativitätstheorie, und dies obwohl diese empirisch noch weit besser belegt ist als die Evolutionstheorie – in Kombination mit der Quantenphysik ist sie die am besten belegte Theorie in der gesamten Wissenschaft. Aber was dem gesunden Menschenverstand widerspricht kann ja nicht stimmen, so lautet der Tenor dieser Gruppe, der in entsprechen Internetforen leidenschaftlich artikuliert wird und seriöse Wissenschaftsblogs mit völlig irren und unsinnigen Kommentaren überflutet. Besonders vehement wird auch der Klimawandel geleugnet (teils sogar in den gleichen Foren). Trotz eines immer breiteren Konsens der Klimaforscher, also derjenigen, die am meisten davon verstehen, immer heisserer Sommer in Europa, dem Abschmelzen der Gletscher in den Alpen, auf Island und in Grönland, den besonders heftigen Monsunregenfällen in Indien, zerstörerischen Hurrikans in Nordamerika und Taifunen in Asien und nicht zuletzt trotz der immensen Kostenabschätzungen von Wirtschaftsfachleuten lautet der Kanon so mancher reaktionärer politischen Akteure: „Wir lehnen den Klimawandel ab.“ Vielleicht wollen sie demnächst auch die Gravitationskraft „ablehnen“? Ein besonders erschreckendes Beispiel: Der australische Regierungschef Scott Morrison bevorzugt es als Mitglied der Pfingstbewegung, in der Feuerkrise seines Landes, für die Klimaforscher eine Manifestation des Klimawandels, für Regen zu beten, statt auf die Wissenschaft zu hören.

Das echte Problem

Wie kann das sein? Der Glaube auch dieser Menschen an die technologischen Manifestationen wissenschaftlicher Erkenntnisse ist doch wohl kaum geringer geworden. Auch für Klimaskeptiker, Evolutions- und Relativitätstheoriekritiker, Impfgegner, Trump- oder AfD-Anhänger und andere erklärte Gegner der wissenschaftlichen Methode ist es selbstverständlich, mit Blitzableitern ihre Häuser vor Gewittern zu schützen, statt durch Opfergaben an Götter. Auch sie benutzen GPS-Systeme, um an ihr Ziel zu kommen, schlucken Antibiotika, wenn sie eine bakterielle Infektion haben und benutzen ihren Computer und das Internet, um mit Freunden und Geschäftskollegen zu kommunizieren und ihre populistische Polemik zu streuen. Auch in der breiten Bevölkerung lässt sich kaum ein Anstieg der Wissenschaftsskepsis feststellen. So gaben 2019 in repräsentativen Umfragen nur acht Prozent der Menschen in Deutschland an, Wissenschaft und Forschung „eher nicht“ oder „nicht“ zu vertrauen (so im „Wissenschaftsbarometer“, publiziert von Wissenschaft im Dialog – einer Initiative der deutsche Wissenschaften – und der Robert Bosch Stiftung), und dies nach 7% im Jahr 2018 und 12% im Jahr 2017. Auch ist die wissenschaftliche und wissenschaftsmethodische Ausbildung an Schulen und Universitäten umfangreicher als je zuvor, Tendenz –seit dreihundert Jahren – weiter steigend.

Allerding bezweifeln laut dem Wissenschaftsbarometer eine Mehrheit, dass die Wissenschaft auch wirklich unabhängig ist. Über 60% der Befragten waren der Meinung, dass der Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft „zu gross“ oder „sehr zu gross“ ist, und bei der Frage nach dem Einfluss der Politik sind dies ebenfalls weit mehr als 50%. Die Menschen sind also misstrauisch bzgl. einer zu starken Abhängigkeit der Wissenschaft vom Geld. Das hat im Jahr 1990 bereits Karl Popper so gesehen:

Ich bin ein begeisterter Anhänger der Wissenschaft. Physik und Biologie sind für mich großartige Wissenschaften, und ich halte die meisten Physiker und Biologen für sehr gescheit und gewissenhaft. Aber: Sie stehen unter Druck. Diesen Druck gibt es erst seit dem zweiten Weltkrieg, seitdem so viel Geld für die Wissenschaft ausgegeben wird. [1]

Es erscheint widersprüchlich: Die Menschen vertrauen der Wissenschaft grundsätzlich, trauen ihr aber auch grosse Interessenkonflikte zu. Die „Wissenschaftler sind bezahlt“, heisst es dann, nicht selten mit dem Anhängsel „und zwar vom Staat“. Doch was sich skandalträchtig anhören soll, erweist sich bei näherer Betrachtung als eine Banalität: Sollen die Forscher vielleicht umsonst arbeiten? Dass die meisten Forschungsbetriebe und damit Geldgeber staatliche Einrichtungen sind, hat sich für unsere Gesellschaft als sehr hilfreich erwiesen. Denn es ist gerade die zunehmende Abhängigkeit der Wissenschaft von kommerziellen Interessen, die uns beschäftigen sollte. Bei aller positiven Entwicklungsdynamik des Zusammenwirkens von Unternehmergeist und wissenschaftlichen Kreativität, die in den letzten 200 Jahren die enorme Wohlstandsvermehrung ausgelöst hat, so erscheint es den meisten Menschen doch eher unheimlich, die Renditegier der Technologie-Investoren, die Ideologie der Silicon-Valley-Transhumanisten oder ganz allgemein die kapitalistische (bzw. militärische) Verwertungslogik über unserer aller Zukunft entscheiden zu lassen [2]. Und was uns blüht, wenn ein allmächtiger Staat ausserhalb demokratischer Strukturen den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt steuert, zeigt das Beispiel China.

Verlust der Wahrheit

Dazu kommt eine zweite Entwicklung innerhalb der Wissenschaften, die ihren populistischen Gegnern entgegenkommt. Beginnend mit der modernen Physik Anfang des 20. Jahrhunderts liess sie zunehmend vom Glauben an die Möglichkeit absoluter Gewissheit ab. So musste Newtons Vorstellung eines absoluten Raums bzw. einer absoluten Zeit durch die relationale Raum-Zeit von Einsteins Relativitätstheorie ersetzt werden, die Nicht-Physiker kaum noch verstehen können. Noch einschneidender war die Erkenntnis, dass ein Quantenobjekt gleichzeitig Welle und Teilchen ist und dass im Mikrokosmos ganz andere Gesetze als in unserem Makrokosmos gelten. Die Wissenschaftler mussten lernen, mit komplementären Wahrheiten zu leben, also: nicht A oder B ist wahr, sondern A und B können beide zugleich wahr sein. Der endgültige Todesstoss für den philosophischen Anspruch nach letzten und begründenden Wahrheiten war der neue Objektbegriff in der Quantenphysik. Nachdem die Zeit schon nicht mehr absolut ist, so soll es den Physikern gemäss im Mikrokosmos auch keine reale und unabhängig existierende Objekte mehr geben, keine objektive Realität und damit auch keine absolute Sicherheit. Es ist paradox: Je mehr Wissen wir erlangten, desto weniger durften wir darauf hoffen, dass es eine letzte Wahrheit gibt. Der Preis für unseren Wissenszuwachs ist also hoch – wir haben nun nichts mehr, woran wir uns festhalten können. In einem über drei Jahrhunderte laufenden Prozess hat sich die Menschheit Schritt für Schritt all ihrer mühsam aufgebauten Gewissheiten beraubt.

  • Mit Kopernikus verloren wir unsere Zentralstellung im Universum.
  • Darwin zeigte uns, dass wir auch nicht im Zentrum der Schöpfung stehen, sondern vielmehr Ergebnis eines Prozesses sind, den Tiere und Pflanzen gleichermassen durchlaufen.
  • Freud zufolge sind wir noch nicht einmal Herr im eigenen Haus unseres Geistes, dem Raum unserer subjektiven Empfindungen und Gedanken.
  • Zuletzt sagten uns Relativitäts- und Quantentheorie, dass kein Standpunkt wichtiger und „richtiger“ ist als alle anderen, und es auch keinerlei reale und unabhängig existierende („substantielle“) Objekte gibt.
  •  
    Uns ist die absolute und ewige Wahrheit abhandengekommen. Das ist auch gut so, denn so funktioniert die Welt nun mal nicht. Umso wichtiger sind die wissenschaftlichen Wahrheiten, sie helfen uns, uns in unserer Welt zurechtzufinden. Diese Wahrheiten sind keine Dogmen, denn sie stehen ständig auf dem Prüfstand, zum Beispiel durch Experimente und den rationalen Diskurs mit Kollegen; jederzeit können sie – je nach Faktenlage – verworfen und neu formuliert werden. Wie schon Galilei erkannte liegt gerade darin die große Stärke der Wissenschaften.

    Kampf gegen die populistische Psychologie

    All diese Verluste von Wahrheiten haben Auswirkungen auf die menschliche Psyche. Eindeutige Wahrheiten, klare spirituelle Grundlagen und unverrückbare Prinzipien sind offenbar wichtig für uns, damit wir uns in der Welt zurechtfinden. Das Vakuum, das der Verlust alter Gewissheiten hinterlässt, erzeugt in uns eine tiefe Verunsicherung. So kommt es, dass angesichts der Komplexität gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Fragen für so manchen ein Fluchtweg in die Vergangenheit führt, in der vermeintlich alles einfacher und besser war. Slogans wie „Die Relativitätstheorie ist unlogisch. Newton hatte recht“ sind attraktiver als sich durch die mathematische Komplexität der moderne Physik zu kämpfen, ganz so wie „Make America Great Again“ oder „Es gibt keinen menschenverursachten Klimawandel“ in vielen Ohren besser klingt als die Diskussion über komplexe internationale Handelsbeziehungen oder nichtlineare globale meteorologische Effekte durch die Erwärmung unserer Atmosphäre.

    Diese beiden Punkte, die durchaus ernste Gefahr einer ausschliesslich kapitalistischen Verwertungslogik neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Flucht in einfache „Wahrheiten“, spielt heutigen Populisten, Vereinfacherern und Wissenschaftsgegnern in die Hände. Ihr Erfolg liegt in der verzerrenden Simplifizierung intellektuell fordernder gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Zusammenhänge und dem verschwörerischen Verweis, dass die Wissenschaftler nur ihren eigenen Interessen folgen.

    Und wer sagt eigentlich, dass Populisten, Relativitätskritikern, Evolutionsgegnern und Klimawandelleugnern nicht mit dem gleichen Anspruch wie die Wissenschaftler „wissen“ dürfen, was sie wollen? Was ist der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und populistischer Wahrheit? Der Unterschied liegt in der Motivation der Beteiligten. Wissenschaftler wollen in einer Welt voller Unsicherheiten ihr Wissen vergrössern – uneingeschränkt, aufrichtig, rational und methodisch. Dazu stehen ihnen die mächtigen Tugenden der Wissenschaften zur Verfügung:

  • Abkehr von Dogmen und eine kompromisslos reflexive Einstellung zum eigenen Wissen,
  • Neugier und Vertrauen auf eigene Beobachtungen sowie das ehrliche Bekenntnis zu Fakten und ihre empirische Überprüfung
  • Vertrauen in unbestechliche Mathematik,
  • Anwendung von Wissen in Form von Technologie zum Wohle der Menschen.
  •  
    Den Populisten dagegen geht es nicht um Wissensvermehrung, sondern um Glaubensbestätigung. Sie setzen klare unumstössliche Wahrheiten voraus; was nicht „ihrer Wahrheit“ entspricht, wird mit Mitteln der Macht bekämpft, nicht mit denen des Argumentes oder der Faktenlage. Dies ist buchstäblich ein Rückschritt ins frühe Mittelalter, als es eine selbstreferentielle Einstellung zum eigenen Wissen nicht gab. Wissen diente damals einem fremden Zweck, zumeist dem, einen bestimmten Glauben zu bestätigen. Erst ab dem 12. Jahrhundert begann Wissen, „eigensinnig“ zu werden. Und genau dies versuchen die Populisten nun umzudrehen. Noch einmal, diesem verhängnisvollen Trend gegen müssen wir begegnen!

    [1] Interview mit der Zeitung DIE WELT am 29. Januar 1990 geführt hat (1991 veröffentlicht Ullstein unter dem Titel Ich weiß, daß ich nichts weiß – und kaum das)

    [2] Diese wird ausführlich diskutiert in. L Jaeger, Mehr Zukunft wagen, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh (2019)


    It is sometimes quite banal experiences, conversations or incidents that open our eyes to the drama of social developments. A professionally esteemed colleague at work who doubts the theory of evolution („There must be a grand plan behind all the beauty and majesty of nature“), internet bloggers who loudly proclaim that Einstein’s theory of relativity cannot be correct („It’s all illogical what Einstein said“), the mother-in-law, who vehemently fights against the vaccination of her grandchildren („The poor children are poisoned, they will become autistic“) or the friend who unexpectedly presents himself as a climate skeptic („Yes, the climate may change, but climate fluctuations have always existed, this has nothing to do with human actions“). A cautious objection that in all these respects science makes unambiguous statements and that the experts agree to 99% is then wiped away with the reference „Oh, the scientists, they don’t know any better. They do not agree 100%“ or even „They are paid to make these statements“.

    It becomes even more alarming when people in high positions of power publicly denounce the scientific consensus. For example, US Vice President Mike Pence does not believe in the theory of evolution. He believes it is a fundamental truth that God created the heavens, the earth and the oceans – and mankind as well. Hardly any sensible, enlightened person today still doubts evolution. In the 160 years since Charles Darwin formulated his theory, scientists have pieced together from countless pieces of mosaic a consistent picture of the origin of species. And yet not a few people tinker with their own truths – and are then elected to positions of enormous power. And the nonsense does not stop with Adam and Eve. Physicists may find it hard to believe, but there is an extremely vocal community of opponents to the theory of relativity, even though it is empirically even far better proven than the theory of evolution – in combination with quantum physics it is the best proven theory in the whole of science. But what is contrary to common sense cannot be true, so the tenor of this group, which is then passionately articulated in corresponding internet forums and floods serious science blogs with completely crazy and nonsensical comments. Climate change is also denied particularly vehemently (sometimes even in the same forums). Despite an ever broader consensus among climate researchers, i.e. among those who know most about it, ever hotter summers in Europe, the melting of glaciers in the Alps, Iceland and Greenland, the particularly heavy monsoon rains in India, destructive hurricanes in North America and typhoons in Asia and, last but not least, despite the immense cost estimates of economic experts, the canon of many a reactionary political actor is: „We reject climate change“. Perhaps they will also want to „reject“ the gravitational force? A particularly frightening example: Australian Prime Minister Scott Morrison, as a member of the Pentecostal movement, prefers to pray for rain in his country’s fire crisis, a manifestation of climate change for climate researchers, rather than listen to science.

    The real problem

    How can that be? Surely the belief of these people in the results of scientific knowledge has hardly diminished. Even for climate sceptics, critics of the theories of evolution and relativity, vaccination opponents, Trump or AfD supporters and other declared opponents of the scientific method, it is without question to protect their homes from thunderstorms with lightning conductors instead of making sacrifices to gods. They too use GPS systems to get to their destination, swallow antibiotics when they have a bacterial infection and use their computers and the internet to communicate with friends and business colleagues as well as to spread their populist polemics. In the general population, there is hardly any evidence of an increase in skepticism towards science. In representative surveys in 2019, for example, only 8% of people in Germany stated that they „tend not to“ or „don’t“ trust science (according to the „Science Barometer“ published by Wissenschaft im Dialog – an initiative of the German science community – and the Robert Bosch association), compared with 7% in 2018 and 12% in 2017. Furthermore, the scientific and science-methodological education in schools and universities is more extensive than ever before, that trend has been rising for three hundred years.

    However, according to the Science Barometer, most people doubt that science is independent. More than 60% of those surveyed thought that the influence of business on science is „too great“ or „very great“, and when it comes to the influence of politics, this numbers also stands at over 50%. People are suspicious of the excessive dependence of science on money, as Karl Popper already stated way in 1990:

    I am an avid supporter of science. Physics and biology are great sciences for me, and I think most physicists and biologists are very clever and conscientious. But: They are under pressure. This pressure has only existed since World War II, since so much money is being dependent on science. [1]

    It seems contradictory: people trust science in principle, but also associate it with strong conflicts of interest. „Scientists are paid“, they say, often with the appendix “ by the government“. But what is supposed to sound scandalous on closer inspection turns out to be a banality: Should researchers perhaps work for free? The fact that most research institutions, and thus financial sponsors, are government institutions has proven to be very helpful for society. For it is precisely the increasing dependence of science on commercial interests that should concern us. For all the positive developmental dynamics of the interaction of entrepreneurial spirit and scientific creativity that have triggered the enormous increase in economic prosperity over the last 200 years, it seems rather uncanny to most people to let the profit motives of technology investors, the ideology of the Silicon Valley transhumanists or, more generally, the capitalist (or military) logic of exploitation decide on our all future [2] . And the example of China shows us what we will encounter when an all-powerful state outside democratic structures controls scientific and technological progress.

    Loss of truth

    In addition, there is a second development within the sciences that accommodates its populist opponents. Beginning with modern physics at the beginning of the 20th century, it increasingly abandoned any belief in the possibility of absolute certainty. Thus, Newton’s idea of absolute space or absolute time had to be replaced by the relational space-time of Einstein’s theory of relativity, which for non-physicists is barely comprehensible. Even more drastic was the realization that a quantum object is both wave and particle at the same time and that the laws that apply in the microcosm are completely different to those of our macrocosm. The scientists had to learn to live with complementary truths, i.e. not A or B is true, but A and B can both be true at the same time. The final deathblow for the philosophical claim for ultimate and substantiating truths was the new concept of objects in quantum physics: Following that time is no longer absolute, physicists claim further that in the microcosm there should no longer be any real and independently existing objects, no objective reality and thus no absolute certainty. It is a paradox: The more knowledge we gained, the less we could hope that there is an ultimate truth. Thus, the price for our knowledge gain is high – we now have nothing left to hold on to. In a process lasting over three centuries, mankind has gradually robbed itself of all its laboriously built up certainties.

  • With Copernicus we lost our central position in the universe.
  • Darwin showed us that we are also not at the center of creation, but rather the result of a process that animals and plants went through equally.
  • According to Freud, we are not even masters in our own house of mind, the space of our subjective sensations and thoughts.
  • Finally, relativity and quantum theory tell us that no point of view is more important and more „right“ than any other, and that there are no real and independently existing („substantial“) objects.
  •  
    We have lost the absolute and eternal truth. This is a good thing, because that is not the way the world works. All the more important are the scientific truths, they help us to find our way in our world. These truths are not dogmas, because they are constantly put to the test, for example through experiments and rational discourse with colleagues; they can be rejected and reformulated at any time, depending on the facts. As already Galilei recognized, this is the great strength of science.

    Fighting populist psychology

    All these losses of truths have consequences for the human psyche. Unique truths, clear spiritual foundations and unshakable principles are obviously important for us to find our way in the world. The vacuum left by the loss of old certainties creates a deep insecurity within us. Thus, in view of the complexity of social, political, economic and scientific issues, for many people an escape route leads to the past, where everything was supposedly easier and better. Slogans like „The theory of relativity is illogical. Newton was right“ are more attractive than struggling through the mathematical complexity of modern physics, just as „Make America Great Again“ or „There is no man-made climate change“ sounds better to many ears than the discussion about complex international trade relations or non-linear global meteorological effects caused by the warming of our atmosphere.

    These two points, the quite real danger of an exclusively capitalist logic of exploitation of new scientific knowledge and the flight into simple „truths“, play into the hands of today’s populists, simplifiers and opponents of science. Their success lies in the distorting simplification of intellectually demanding social and scientific contexts and the conspiratorial reference to the belief that scientists only follow their own interests.

    But who says that populists, relativity critics, opponents of evolution and climate change deniers are not allowed to „know“ what they want with the same claim as scientists? What is the difference between scientific truth and populist truth? The difference lies in the motivation of those involved. Scientists want to increase their knowledge in a world full of uncertainties – unconstrained, sincere, rational and methodical. To achieve this, they have powerful virtues of science at their disposal:

  • Renunciation of dogmas and an uncompromisingly reflective attitude towards one’s own knowledge,
  • Curiosity and trust in one’s own observations as well as an honest commitment to facts and their empirical verification
  • Trust in incorruptible mathematics,
  • Application of scientific knowledge in the form of technology for the benefit of people.
  •  
    The populists, on the other hand, are not concerned with increasing knowledge, but with affirming faith. They presuppose clear, unquestionable truths; what does not correspond to „their truth“ is fought with the means of power, not with those of argument or fact. This is literally a step back into the early Middle Ages, when there was no self-referential attitude towards one’s own knowledge. At that time, knowledge served a foreign purpose, mostly that of confirming particular believes. Only from the 12th century onwards did knowledge begin to become „self-referential“. And this is exactly what the populists are now trying to turn around. Once again, we must counter this fatal trend!

    [1] Interview with the German journal DIE WELT from the 29th of January 1990 (published in 1991 in German by Ullstein entitled Ich weiß, daß ich nichts weiß – und kaum das)

    [2] For more on this see (in German): L Jaeger, Mehr Zukunft wagen, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh (2019)

    2 thoughts on “Intellektuelle Redlichkeit II – Die Tugenden der Wissenschaft im Kampf gegen populistische StrömungenIntellectual Integrity II – The virtues of science in the fight against populist programs

    1. Ich sehe drei Probleme in Ihrer Argumentation:

      Erstens: Die Antwort „99% der Experten“ seien sich einig, ist nicht relevant, denn die wissenschaftliche Methode ist keine demokratische Wahl-Veranstaltung. Sie sollten wissen, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse anfangs oft gegen den sogenannten „Konsens“ der Experten standen.

      Zweitens: Es gibt durchaus berechtigte Fragen der von Ihnen diffamierten Populisten in verschiedenen Wissenschaftsgebieten, sogar in Ihrem Fach, der Physik. Das bekannteste Beispiel sind meines Wissens die Lückenfüller „dunkle Energie“ und „dunkle Materie“, die lediglich Hypothetische Konstrukte sind, aber noch nie beobachtet oder gemessen wurden. Aus Sicht eines Laien sieht es dann so aus, dass die „Experten“ an extrem zweifelhaften Thesen festhalten, allein weil sie noch keine Alternativerklärung haben oder weil sie bestimmte alternative Erklärungen nicht hören wollen. Kritische Frager zu diffamieren, ist wirklich nicht angebracht. Ich denke, es würde mehr Vertrauen schaffen, wenn diese Experten einfach zugeben, dass sie bestimmte Antworten eben noch nicht haben.

      Drittens: Sie verallgemeinern, wo Sie nicht verallgemeinern sollten. Dass Licht sich einerseits wie Wellen andererseits wie Partikel verhält, dass Photonen nicht-lokale Interaktionen haben, zeigt zunächst einmal, dass die *Experten* eben noch nicht verstanden haben, was Licht eigentlich ist. Dass uns dadurch die „die absolute Wahrheit“ an sich abhanden kommt, ist eine absurde Verallgemeinerung. Heisenberg sagte wohl einmal, dass niemand die Quantentheorie versteht, was ihn selbst wohl einschliesst. Ich denke, Heisenberg hat damit eine weise Aussage gemacht.

      Dabei es schon fast lustig, wenn Sie fordern, die Populisten (damit auch alle Laien?) mögen sich doch von Dogmen abwenden, nachdem Sie selbst aber ohne Not bestimmte wissenschaftliche Thesen zu Dogmen gemacht haben, indem sie kritische Frager nicht mehr wie kritische Frager sondern wie Häretiker behandeln.

    2. Populismus gibt es auch in der Wissenschaft.

      Wer sich einmal die Mühe macht, genauer danach zu fragen, was „Evolutionstheorie“ heute eigentlich heißt, der wird auf das Paradigma der sogenannten „Soziobiologie“ stoßen. Die Soziobiologie betrachtet das Sein und Verhalten des Menschen rein unter genetischen Gesetzmäßigkeiten (vor allem denen einer angeblichen „Verwandtenselektion“). Dieses Paradigma wurde in den 1970er Jahren von dem amerikanischen Biologen Edward O. Wilson begründet. Doch ab dem Jahr 2010 hat sich Wilson von diesem von ihm selbst begründeten Paradigma aufgrund neuer empirischer Erkenntnisse losgesagt und kritisiert heute dieses Paradigma, u.a. mit den Worten:
      „Das alte Paradigma der sozialen Evolution, das nach vier Jahrzehnten fast schon Heiligenstatus genießt, ist damit gescheitert. Seine Argumentation von der Verwandtenselektion als Prozess über Hamiltons Ungleichung als Bedingung für Kooperation bis zur Gesamtfitness als darwinschem Status der Koloniemitglieder funktioniert nicht. Wenn es bei Tieren überhaupt zur Verwandtenselektion kommt, dann nur bei einer schwachen Form der Selektion, die ausschließlich unter leicht verletzbaren Sonderbedingungen auftritt. Als Gegenstand einer allgemeinen Theorie ist die Gesamtfitness ein trügerisches mathematisches Konstrukt; unter keinen Umständen lässt es sich so fassen, dass es wirkliche biologische Bedeutung erhält. Auch für den Nachvollzug der Evolutionsdynamik genetisch bedingter sozialer Systeme ist es unbrauchbar“ (Wilson 2013, „Die soziale Eroberung der Erde“, S. 221f).

      Heute vertritt Wilson ein Konzept, das den Menschen nicht rein unter genetischen Gesetzmäßigkeiten beurteilt, sondern ihn als ein „Chimären“wesen sieht. Der Mensch ist exklusiv geistiger Natur, wobei das nicht übernatürlich begründet wird, sondern Geist und Kultur werden hierbei nicht genetisch codiert und vererbt bzw. tradiert, sondern neuronal. In dieser Chimärennatur besitzt der Mensch auch in seinem Verhalten ein auf der emotionalen Ebene wirkendes animalisches Erbe. Besonders deutlich und konkret wird das in der Aussage von Wilson: „Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz.“ (Edward O. Wilson, „Die soziale Eroberung der Erde“, München 2013, S. 23).
      Mit diesem dichotomischen Konzept (das die Soziobiologie strikt ablehnt) könnte das unvernünftige Verhalten des Menschen erklärt und damit letztlich auch gelöst werden. Doch leider folgen Wilson diesmal seine Kollegen nicht wie noch vor 40 bzw. zwischenzeitlich 50 Jahren. Warum eigentlich nicht, da sich dieses Konzept doch wie in dem Zitat direkt auf konkrete Probleme des Menschen anwenden lässt und sie erklärt? Wilson erklärt auch dieses Problem mit unserem animalischen Erbe, indem er in einem SPIEGEL-Gespräch mit dem Titel „Wir sind ein Schlamassel“ (8-2013) sagt: „Wissenschaft ist bestimmt von Stammesdenken. Wenn das ganze Leben mit einer bestimmten Theorie verbunden ist, kann man nicht davon lassen.“ (SPIEGEL 8-2013, S. 137). Als Beispiel für einen emotional bedingten wissenschaftlichen Populismus, der sich nicht von alten, als unumstößlich angesehenen Wahrheiten lösen kann, lässt sich insbesondere der Evolutionsbiologe Richard Dawkins anführen, der Wilson nach dessen Kehrtwende „schamlose Arroganz“ und „perverse Missverständnisse“ vorwirft. Das neue Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ von Wilson sei ein Buch, das man „mit Wucht wegschleudern“ solle (vgl. SPIEGEL 8-2013, S. 135).

      Als die Evolutionstheorie aufkam, hatten sich viele Menschen daran gestoßen, dass der Mensch statt von einem Gott vom Affen abstammen sollte. Das bezog man damals nur auf das äußere Aussehen. Doch dass selbst hochintellektuelle Wissenschaftler in ihrem Verhalten immer noch zum Teil bzw. mehr oder weniger von animalischen Instinkten bestimmt sein sollen (wie insbesondere denen von Macht, Rang und Ansehen), das kann gerade für so gut wie alle Intellektuelle bis heute nicht sein. Darum wird sich das neue Konzept von Wilson nicht durchsetzen und darum werden wir die eigentliche Ursache unserer Fehlverhaltensweisen in absehbarer Zeit nicht erkennen. Mit anderen Worten, von dieser eigentlichen Ursache, die in unserer Natur liegt und sie als dichotomisch offenbart, sind nicht nur Populisten betroffen, sondern auch Wissenschaftler.

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