Ein Gespenst geht um in der Finanzwelt, und diesmal ist es nicht der Kommunismus, der das Geld-Establishment in Angst und Schrecken versetzt. Das Gespenst heute heisst „Kryptowährungen“, und es droht die etablierten Machtstrukturen in der weltweiten Finanzindustrie umzukrempeln. Ähnlichkeiten mit dem kommunistischen Manifest beschränken sich auf die Heilsversprechen, die wir von den Befürwortern der neuen digitalen Währungen hören: Umsturz des traditionell intransparenten, korruptionsanfälligen und völlig überteuerten Geschäftsmodell der Banken, mehr Demokratie in Unternehmen und im Staat, Fairness im globalen Handel, die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit, bis hin zu einem Wohlstands-Turbo-Booster für die Ärmsten der Welt.

Natürlich ist es nicht politischer Idealismus mit dem Ziel, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, der den momentanen Hype um Bitcoin und andere Kryptowährungen antreibt. Vielmehr ist es der gleiche Ausruf, der in genau dem Jahr, in dem Marx und Engels das Kommen des Kommunismus ankündigten, aus San Francisco erscholl: „Gold! Gold! Gold from the American River!“

Es ist der Ruf des schnellen Geldes, der auch 170 Jahre nach dem kalifornischen Goldrausch nichts von seiner Wirkung verloren hat. Wer kann schon ignorieren, dass hier schnell mal Millionen gescheffelt werden können? Nur dass man heute nicht mehr beschwerliche Tausende von Kilometern reisen muss, um das neue Gold zu „schürfen“, sondern nur ins Internet zu gehen braucht. „Schürfen“, so heisst es tatsächlich, wenn man mit der Rechenkraft seines eigenen Computers neue Bitcoins zu erwerben anstrebt (was insgesamt eine Unmenge an Elektrizität verbraucht und die globale CO2-Bilanz belastet – dies ein wenig beachteter und unschöner Nebenaspekt von Bitcoin).

Und schon bahnt sich nach dem fulminanten Krypto-Crash von 2018, der gerade die Ahnungslosen, die an die völlig unregulierten und oft alles andere als transparent agierenden Bitcoin-Börsen getrieben wurden, 80% ihres Einsatzes verlieren lies, ein neuer Hype an. Tatsächlich kann jeder, der will, seine eigene digitale Währung erschaffen. Unterdessen gibt es mehr als 2000 davon, mit Namen wie Ripple, Stellar, Golem, FunFair, HalloweenCoin oder SnakeEyes klingen manche wie Ecstasy-Sorten vor 20 Jahren.

Hier werden Erinnerungen an das adlige Münzprägerecht im Mittelalter wach, mit dem jeder Adlige, der dieses besass, seine eigene Münzwährung prägen durfte. Was dazu kommt: Kryptowährungen eignen sich hervorragend für kriminelle Machenschaften: Geldwäscherei, Lösegelderpressung durch Hacker, Veruntreuung, Waffenhandel im Darknet, usw. – für all dies eignen sich Kryptowährungen bestens. Sie sind das monetäre Äquivalent des Darknets. Eines von vielen Beispielen ist die Kryptobörse QuadrigaCX, deren Gründer die Einlagen seiner Kunden im Umfang von mehreren hundert Millionen Dollar für seine privaten Zwecke veruntreute.

Dabei besitzt „Blockchain“, die Technologie, die hinter Bitcoin steckt, tatsächlich das Potential für einen technologischen Paradigmenwechsel. Sie könnte eine bedeutende Gruppe zentraler Agenten in der globalen Wirtschaft ausrotten, die so genannten Intermediäre. Heute steuern Einrichtungen wie Banken, Börsen, Notare, Buchprüfungsgesellschaften sowie zahlreiche staatliche Institutionen (z.B. Zentralbanken, Steuerbehörden und Regulatoren) einen grossen Teil unseres Wirtschaftslebens. Sie stehen für eine zentrale Bedingung des reibungslosen Ablaufs jeglichen wirtschaftlichen Handelns: Vertrauen. Banken garantieren Geldvermögen, eine „Banknote“ ist ein Wertspeicher, der (zumeist) zuverlässig ist. Ein Notar garantiert die Rechtsicherheit einer vertraglichen Vereinbarung, Notenbanken, dass die Papierscheine in meiner Hand einen Wert besitzen. Staatliche Behörden sorgen dafür, dass im internationalen Bankgeschäft die Regeln eingehalten werden. Sie alle sind „Agenten des Vertrauens“. Die Blockchain-Technologie ermöglicht ganz neue Möglichkeiten für Vertrauensbildung in Wirtschaft und Handel. Das wohl prominenteste Beispiel ist eben jene neue und dezentrale Art und Weise, die zentrale Einheit des wirtschaftlichen Austauschs zu definieren: das Geld. Mit Blockchains lassen sich Zahlungen abwickeln, ohne dass es einer Vertrauen schaffenden zentralen Bank oder staatlichen Währung bedarf.

Die Funktionsweise von Blockchains ist so einfach wie das Führen eines Geschäftsjournals, nur mit viel mehr Einträgen sowie dezentraler und globaler Verwaltung: Blockchains sind elektronisch gespeicherte Journale („Blöcke“), die – daher der Name – kettenförmig zusammenhängen und für jedermann einsehbar auf vielen Computern zugleich gespeichert sind. Das Eigentum des Geldes entspricht dabei dem Besitz eines geheimen digitalen Schlüssels, der Zugang zum Guthaben in einem eigenen digitalen Portemonnaie gewährleistet. Dieser wird dann eingesetzt, wenn das Geld zwecks Bezahlung jemandem anders übertragen werden soll. Eine solche Transaktion wird dann in der Blockchain eingetragen. Während wir beim gewöhnlichen Zahlungsverkehr einer Bank oder einer anderen vermittelnden Instanz vertrauen müssen, die die Sicherheit der Transaktion garantiert, ist dies in einer Blockchain die Aufgabe der Gemeinschaft aller Beteiligten. Eine Zahlung wird bei Vorlegen des korrekten Schlüssels von der Mehrheit der Teilnehmer abgesegnet. Korrekturen am System sind nur möglich, wenn die Mehrheit der Beteiligten diesen zustimmt. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl ist dies nach einer kurzen Weile kaum mehr möglich. Konkret kann also niemand einen Bitcoin zweimal ausgeben. Die Einträge der Blöcke in die Blockchain übernehmen dezentrale Knotenpunkte, wofür ihre Besitzer entlohnt werden (dies ist bei der Bitcoin-Blockchain der Fall; es gibt auch andere Modelle): Sie erhalten für ihre Tätigkeit neue Währungseinheiten. Das ist das erwähnte „Schürfen“ neuer Bitcoins.

Die Blockchain-Technologie könnte wirtschaftliche Transaktionen und Organisationen auf eine ganz neue Basis stellen. Geld, wie wir es heute kennen, könnte sogar komplett verschwinden. Der Anwalt, der beim Bäcker ein Brot kauft, zahlt mit einer direkten Transaktion, beispielsweise mit seinem Handy, die dann sofort in der Blockchain verbucht wird. Seinerseits erhält er sämtliche seiner eigenen Arbeitsleistungen von seinen Kunden direkt auf sein digitales Konto vergütet. Geld als Vermittler verschiedener Wirtschaftssubjekte und ihrer Käufe und Verkäufe braucht es dann nicht mehr.

So ist es kein Wunder, dass diese Technologie nun auch Facebook erreicht hat: Mit „Libra“ will die Firma ihre eigene Kryptowährung erschaffen und in vielen Anwendungsfällen Papiergeld und sogar Kreditkarten komplett ersetzen. Das Ziel Facebooks ist es, ein effizienteres Zahlungssystem zu schaffen, das Inhaber sofort und direkt über Apps auf ihren mobilen Telefonen nutzen können. Dies beinhaltet die Überweisung von Geld an Freunde oder Familienmitglieder, die Bezahlung von Händlern für Dienstleistungen oder Waren und das Ersetzen von Bargeld in den Regionen, die keinen Zugang zu Banken haben. Der Knackpunkt dabei ist: Libra ist gar keine richtige Blockchain-Währung, besitzt weder Blocks noch Chains: Anstatt wie ein herkömmliches Distributed Ledger, wie oben erläutert, zu arbeiten, verwendet Libra eine einzige Datenstruktur, die alle Transaktionen und Zustände im Zeitverlauf (zentral!) aufzeichnet. Validiert werden diese über ein Netzwerk aus 27 Unternehmen, darunter bekannte Namen wie Visa, MasterCard, PayPal, eBay, Uber und Vodafone. Damit fehlen Libra die fünf zentralen Eigenschaften von Blockchains: Sie ist weder offen noch öffentlich, ist nicht zensurresistent, unveränderlich, neutral oder grenzenlos.

Genau dies ruft Kritiker auf den Plan. Schliesslich hat sich Facebook längst einen Namen für fragwürdige Datenschutzpraktiken gemacht. So hat sich sogar bereits der Bankenausschuss des US-Senats mit den Plänen für Libra beschäftigt und eine Anhörung abgehalten, um dessen mögliche Auswirkungen sowie regulatorische Bedenken zu erörtern. Und Randal Quarles, Chef der obersten Aufseher der internationalen Finanzwelt sagt, dass eine breitere Verwendung neuer Arten von Kryptowährungen wie Libra für den Massenzahlungsverkehr eine genaue Prüfung durch die Behörden erfordere. Man ist also nicht ganz ohne Grund kritisch. Doch obwohl Libra von einem der fragwürdigsten Unternehmen überhaupt geschaffen wird, könnte es ein Meilenstein sein, um Kryptowährungen zu einer breiter akzeptierten Technologie zu machen.


There is a ghost going around in the financial world, and this time it is not communism that is frightening the money establishment in Europe. The ghost today is called „crypto currencies“, and it threatens to turn the established power structures in the global financial industry upside down. Similarities with the communist manifesto are limited to the promises of salvation we hear from supporters of the new digital currencies: The overthrow of the traditionally non-transparent, corruption-prone and completely overpriced business model of the banks, more democracy in companies and in the state, fairness in global trade, the enforcement of social justice, and even a wealth turbo booster for the world’s poorest.

Of course, it is not political idealism with the goal of creating a more just society that drives the current hype about Bitcoin and other crypto currencies. Rather, it is the same exclamation that came out of San Francisco in exactly the same year that Marx and Engels (referred to as “gods and heroes” in the 1990s Sisters of Mercy hit “Ribbons”) announced the coming of communism: „Gold! Gold! Gold from the American River!“

It is the reputation of fast money that has lost nothing of its effect even 170 years after the Californian gold rush. Who can ignore the fact that millions can quickly be made here? Only that one does not have to travel today; no more cumbersome thousands of kilometers, in order to „dig“ the new gold, but to go only into the Internet needs. „Mining“, so it is actually said, is when one tries to acquire new Bitcoins with the computing power of one’s own computer (which consumes an enormous amount of electricity overall and burdens the global CO2 balance – this is a little considered and unpleasant side aspect of Bitcoin).

And already after the brilliant crypto-crash of 2018, which caused the unsuspecting to lose 80% of their use to the completely unregulated and often anything but transparent Bitcoin stock exchanges, a new hype is looming. In fact, anyone who wants can create their own digital currency. Meanwhile, there are more than 2000 of them, with names like Ripple, Stellar, Golem, FunFair, HalloweenCoin or SnakeEyes (which according to the Late Lemmy from Motorhead are “watching you” – how appropriate in this era of internet tracking!), some sound like ecstasy varieties 20 years ago or vape flavors from current teen culture.

Here memories of the noble coinage right in the Middle Ages come to mind, with which every nobleman who owned it was allowed to mint his own coin currency. What is more, crypto currencies are ideal for criminal activities: money laundering, ransom extortion by hackers, embezzlement, arms dealing in darknets, etc. – crypto currencies are the ideal vehicle for all this; the monetary equivalent of the “dark net”. One of many examples is the crypto exchange QuadrigaCX, whose founder embezzled the deposits of his customers amounting to several hundred million dollars for his private purposes.

The technology behind bitcoin, „Blockchain“, actually has the potential for a technological paradigm shift. It could wipe out a significant group of key agents in the global economy, the so-called intermediaries. Today, institutions such as banks, stock exchanges, notaries, accounting firms and numerous government institutions (e.g. central banks, tax authorities and regulators) control a large part of our economic life. They guarantee a central condition for the smooth running of any economic activity: trust. Banks guarantee financial assets, a „banknote“ is a store of value that is (mostly) reliable. A notary guarantees the legal certainty of a contractual agreement, central banks, that the paper notes in my hand have a value. State authorities ensure that the rules are observed in the international banking business. They are all „agents of trust“. Blockchain technology opens up entirely new opportunities for confidence-building in business and trade. Probably the most prominent example is the new and decentralized way of defining the central unit of economic exchange: money. This allows payments to be processed without the need for a central bank or government currency that creates trust.

Blockchains are electronically stored journals („blocks“), which – hence their name – are linked in a chain and can be viewed by everyone on many computers at the same time. The ownership of the money corresponds to the possession of a secret digital key that guarantees access to the credit in one’s own digital wallet. This is used when the money is to be transferred to someone else for payment. Such a transaction is then entered in the block chain. While in normal payment transactions we have to trust a bank or other intermediary that guarantees the security of the transaction, in a block chain this is the task of the community of all parties involved. A payment is approved by the majority of participants upon presentation of the correct key. Corrections to the system are only possible if the majority of participants agree to them. Due to the high number of participants, this is hardly possible after a short while. In concrete terms, no one can spend a bit coin twice. The entries of the blocks in the block chain are taken over by decentralized nodes for which their owners are paid (this is the case with the Bitcoin block chain; there are also other models): They receive new currency units for their activities. This is the „mining“ of new Bitcoins mentioned above.

The blockchain technology could put economic transactions and organizations on a completely new footing. Money as we know it today could even disappear completely. The lawyer who buys bread from the baker pays with a direct transaction, for example with his mobile phone, which is then immediately booked in the block chain. For his part, he receives all of his own work directly paid into his digital account by his customers. Money is then no longer needed as an intermediary between various business entities and their purchases and sales – It is like the 21st century version of barter, but much more convenient.

So it is no wonder that this technology has now also reached Facebook: With „Libra“, the company wants to create its own crypto currency and in many cases completely replace paper money and even credit cards. The goal of Facebooks is to create a more efficient payment system that owners can use immediately and directly via their apps. This includes transferring money to friends or family members, paying merchants for services and replacing cash in regions that do not have access to banks. The crux of the matter is: Libra is not a real blockchain currency at all, has neither blocks nor chains: instead of working like a traditional Distributed Ledger, as explained above, Libra uses a single data structure that records all transactions and states over time (centrally!). These are validated via a network of 27 companies, including well-known names such as Visa, MasterCard, PayPal, eBay, Uber and Vodafone. Libra thus lacks the five central characteristics of blockchains: it is neither open nor public; resistant to censorship; unchangeable; neutral or limitless.

This is exactly what critics are calling to mind. After all, Facebook has long since made a name for itself for questionable data protection practices. Even the US Senate’s Banking Committee has already looked into it and held a hearing to discuss the potential impact of Libra and regulatory concerns. And Randal Quarles, chief supervisor of the international financial community, says that a wider use of new types of crypto currencies such as Libra for retail payments requires close scrutiny by the authorities. So there is a good reason for being critical. But even though Libra is created by one of the most questionable companies ever, it could be a milestone in making crypto currencies a generally accepted technology.

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