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Wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse mit einem Mal in das Zentrum einer heftigen politischen Diskussion geraten, erlebten wir jüngst mit der Debatte um die gesundheitlichen Folgen von Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxiden. Ausgelöst wurde sie durch die Publikation eines Positionspapiers des Pneumologen (Lungenforschers) Dieter Köhler zusammen mit dem lange in der Automobilindustrie tätigen Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch vom 22. Januar 2019.

In ihrem zweiseitigen Papier, das eher die Form einer Presseerklärung als einer wissenschaftlichen Stellungnahme oder gar Forschungsstudie hat, behaupten die Autoren keck, dass die von diversen Gesundheitsorganisationen (darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO) geteilten Ansichten zu Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxide einer soliden wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Die viele Studien zu den Gefahren von Luftverschmutzung hätten grosse Schwächen, die herangezogenen Daten seien einseitig interpretiert worden, und ganz generell seien die Stickoxidforscher parteiisch, so die Autoren. Harter Tobak. Wäscht hier endlich mal jemand der wissenschaftlichen Gemeinschaft den Kopf und erklärt uns, wie es wirklich ist? Die aufgestellten Behauptungen wiegen derart schwer, dass man erwarten sollte, dass sie auch mit entsprechend validen und starken Argumenten, bestenfalls harten wissenschaftlichen Belegen untermauert werden. In diesem Fall wäre eine solche Stellungnahme wünschenswert und würde der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Debatte in dieser wichtigen Frage sehr helfen. Schliesslich ist das Thema um die mit dem Verkehr verbundenen gesundheitlichen Belastungen im Auto-Land Deutschland und den jüngsten Manipulationsskandalen von VW und Konsorten besonders brisant. Doch hier herrscht leider komplette Fehlanzeige: Statt der erwarteten wissenschaftlichen Belege begeben sich die Autoren in eine peinliche Scheindebatte mit teils haarsträubenden Begründungen, die doch sehr an die Argumentationsmuster von Klimawandelleugnern und Tabaklobbyisten erinnern. Betrachten wir sie im Folgenden im Einzelnen.

Als erstes ziehen Köhler und Koch das banale Argument heran, dass Korrelationen keine Kausalitäten darstellen. Wir kennen diese Aussage aus anderen wissenschaftsskeptischen Zirkeln. Was sie für viele Menschen so verführerisch macht, ist, dass sie wahr ist, auch wenn sie gar keine Anwendung findet. Natürlich können wir aus einer Datenstudie, die uns Korrelationen aufzeigt, niemals ganz sicher auf Kausalitäten schliessen. Wer das behauptet (oder als Kritikpunkt an einer bestehenden Auffassung anführt), hat das Wesen der Wissenschaft nicht begriffen. So wie eine wissenschaftliche Theorie niemals mit dem Anspruch auf letzte Wahrheit auftreten kann, sind Beobachtungen und Daten niemals letztbegründend für kausale Verbindungen. Allerdings darf durchaus von einer Kausalität ausgegangen werden, respektive von der Richtigkeit einer wissenschaftlichen Theorie (auch wenn sie nicht 100% sicher ist), wenn 1. die Effekte in vielen verschiedenen, voneinander unabhängigen und mit unterschiedlichen Methoden durchgeführten Studien beobachtet worden sind, und 2. es dazu einen glaubhaften Mechanismus oder eine plausible Theorie gibt. Beide Bedingungen sind hier ohne Weiteres erfüllt: Es gibt Zehntausende von Studien zu Luftschadstoffen und ihrem Einfluss auf unsere Gesundheit, und die Verbindung von Feinstaub bzw. Stickoxiden und Entzündungen in der Lunge ist sehr plausibel (Stickstoffdioxid ist ein ätzendes Reizgas). Und selbst wenn sich diese Erkenntnis trotz all der Studien irgendwann mal als falsch herausstellen sollte (eine gewisse – wenn auch sehr geringe – Wahrscheinlichkeit dafür besteht immer, wie auch dafür, dass der Klimawandel tatsächlich nicht menschenverursacht ist), so gebietet es die Risikoethik bis dahin, das Augenmerk auf die Möglichkeit sehr schädlicher (im Fall des Klimawandels gar apokalyptischer) Entwicklungen zu richten.

Ein sehr ähnlicher (eigentlich der gleiche) Punkt ist der, den die Autoren als zweites „Argument“ aufführen: Es gibt zahlreiche andere Faktoren, die Krankheitshäufigkeit und Lebenserwartung beeinflussen. Auch das ist reichlich banal, kann aber kaum geeignet sein, einen bestehenden Konsens über die Schädlichkeit von Luftverschmutzung für unsere Gesundheit zu widerlegen. In Anbetracht des zum ersten Argument Gesagten erübrigt sich eine weitere Entgegnung zu diesem Punkt.

Als nächstes sprechen die Autoren über Schwellenwerte und die Frage, durch welche Mechanismen genau die Luftverschmutzung auf den menschlichen Körper wirkt („Toxizitätsmuster“). Tatsächlich lassen sich die Auswirkungen von Stickoxiden auf unsere Gesundheit nur schwer isoliert betrachten. Hierzu gibt es unzählige epidemiologische Studien mit oft Tausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern und vielen Hunderten Variablen und entsprechend komplexen statistischen Modellen. Dabei wird das Risiko von Verzerrungen in den Studien so weit wie möglich reduziert, indem Forscher den Einfluss anderer bekannter Faktoren herausrechnen. Absolute Sicherheit gibt es allerdings nie. Dennoch gilt die schädliche Wirkung des Feinstaubs als eindeutig nachgewiesen, bei Stickoxiden sind die Unsicherheiten etwas grösser, gehen aber nichtsdestotrotz in eine eindeutige Richtung. Hier einen einzigen, alles zusammenfassenden Schwellenwert anzugeben, ab welcher Konzentration Feinstaub und Stickoxide definitiv schädlich sind, ist nahezu unmöglich. Doch daraus zu folgern, dass „alle diese Studien eine konstante Störgröße (Bias) messen“, ist geradezu irrsinnig. Mit der gleichen Argumentation könnte man sagen, wir verstehen nicht ganz genau, wie der steigende CO2 Gehalt in der Atmosphäre das globale (und lokale) Klima beeinflusst, also müssen wir schlussfolgern, dass es diesen Einfluss gar nicht gibt. Mit einem derartigen Argument die wissenschaftliche Arbeit hinter tausenden Studien als fehlerhaft oder gar interessegeleitet zu erklären, ist sehr bedenklich.

Die haarsträubendste Argumentation, ironischerweise im Papier als „das stärkste Argument gegen die extrem einseitige Auswertung der Studien“ aufgeführt, bewahren sich die Autoren jedoch für den Schluss auf. Hier werden die Raucher herbeigezogen, die ja „quasi freiwillig an einer riesigen Expositionsstudie teilnehmen“. Aus der bekannten Tatsache, dass Rauchen die Lebenserwartung um ca. zehn Jahre verkürzt, schliessen Köhler und Koch wagemutig, dass Raucher, die mit jeder Zigarette einhundert bis 1000-fach so viel Stickoxide und Feinstaub einatmen, „nach wenigen Monaten alle versterben müssten“. Da sie das offensichtlich nicht tun, müssen die Studien falsch sein. Das ist natürlich kompletter Unsinn, worauf Experten längst hingewiesen haben. Dies beruht auf einer Variation des logischen Denkfehlers, auf den die Autoren in ihrem ersten Argument in derart polemischer Absicht hinweisen. Denn so gilt natürlich auch, dass aus einer fehlenden Korrelation in einem Zusammenhang nicht auf eine fehlende Kausalität in einem anderen, ggfs. damit verwandten Zusammenhang geschlossen werden kann. Nicht zuletzt rauchen die meisten Raucher nicht 24 Stunden und ebenso wenig als Schwangere, Babys und Kinder, wohingegen sie alle Abgase einatmen.

Die Autoren weisen zuletzt darauf hin, dass alle gängigen Informationen über Schadstoffbelastungen „im Wesentlichen aus der gleichen Quelle“ stammen. Das ist eine grobe Falschaussage, in klareren Worte eine glatte Lüge, die schon an „Trump‘sche“ Verhältnisse heranreicht. Unzählige unabhängige Forschungsstudien haben zu dem wissenschaftlichen Konsens in dieser Frage beigetragen, der sich über viele Jahre herausgebildet hat. Keiner der beiden Autoren hat im Übrigen an dieser Forschungsarbeit je teilgenommen: Köhler hat in seiner Karriere keine einzige „peer-reviewte“ Studie zu Stickoxiden oder zu den medizinischen Auswirkungen von Feinstaub in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht, nur einen Aufsatz im nicht begutachteten Ärzteblatt, das eher ein offizielles Mitteilungsorgan der jeweiligen Kammer ist als ein akzeptiertes Wissenschaftsjournal. Und Koch ist ein Ingenieur, der weit entfernt von der medizinischen Forschung ist.

Anstatt ihre Zweifel und ihre Kritik in wissenschaftlichen Fachkreisen darzustellen und darüber mit Experten zu diskutieren und so zu einem konstruktiven wissenschaftlichen Austausch beizutragen, wählten die Autoren den Weg über die Öffentlichkeit. Offensichtlich geht es ihnen mehr um Effekthascherei, Selbstbestätigung, Lobbyismus oder die Verbreitung von Ideologien als um eine „Versachlichung der Diskussion“. Sie wollen Zweifel an wissenschaftlichen Aussagen säen, womit sie Verunsicherung erzeugen, die sich dann politisch instrumentalisieren lässt. Bei einem so bedeutenden Thema wie der Luftverschmutzung und der Gefährdung unserer Gesundheit ist das Argumentieren mit falschen Fakten und Lügen jedoch nicht nur unangebracht, sondern zutiefst unredlich. Wissenschaft ist nach wie vor die effektivste Methode gegen alternative Fakten. Deshalb diskreditieren und bekämpfen Populisten wie Köhler und Koch ihre Erkenntnisse mit so vehementen Worten. Dass sie damit teilweise sogar Erfolg haben, ist umso schlimmer. Tatsächlich hat eine unheilige Allianz aus Politikern von CSU, FDP und AfD sowie dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe ihre Aussagen schnell begrüsst und fordert entsprechende Gesetzesänderungen. Spätestens bei der Aussage von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dass der Vorstoss „Sachlichkeit und Fakten in die Dieseldebatte“ bringe, muss die Zivilgesellschaft aufstehen und sich wehren, um gegen die Verunglimpfung der Wissenschaft durch skrupellose Populisten vorzugehen. Dies ist auch die Aufgabe einer aufgeklärten Presse, welche die Aussagen der Grenzwertkritiker teils erschreckend unkritisch wiedergab und damit erst dafür sorgte, dass diese populistische Streitschrift gegen etablierte wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt mediale Aufmerksamkeit erhielt. Dies ist zuletzt eine Frage der intellektuellen Redlichkeit. Und diese ist das Fundament unserer offenen Gesellschaft.


The recent debate in Germany about the health consequences of air pollution, particulate matter and nitrogen oxides has shown how scientific research results can suddenly become the center of a heated political discussion. It was triggered by the publication of a position paper by Dieter Köhler, a pneumologist (lung researcher), and Thomas Koch, an engineer who has been active in the automotive industry for many years, on 22 January 2019.

In their two-page paper, which takes more the form of a press release rather than that a scientific research study, the authors boldly claim that the views shared by various health organizations (including the World Health Organization, WHO) on the health risks posed by air pollution, particulate matter and nitrogen oxides lack a solid scientific basis. According to the authors, the many studies on the dangers of air pollution have great weaknesses, the data used has been interpreted one-sidedly, and in general the researchers have been biased. Hard stuff. Is someone finally calling the scientific community to order and explaining to us what the world really is like? The assertions made weigh so heavily that one would expect them to be supported by valid and strong arguments, at best hard scientific evidence. In this case, such an opinion would be desirable and would greatly help the scientific and social debate on this important issue, as the issue of the health hazards associated with traffic is particularly explosive in Germany with its large car industry and the recent manipulation scandals by VW and other car makers. Instead of the expected scientific evidence, however, the authors are embarking on an embarrassing sham debate with sometimes hair-raising arguments that are very reminiscent of the argumentation patterns of climate change deniers and tobacco lobbyists. Let us take a look at them in detail.

First, Köhler and Koch use the commonplace argument that correlations are not causalities. We know this statement from other science skeptical circles. What makes it so seductive for many people is that it is true, even if it is not at all applicable. Of course, from a data study that shows us correlations, we can never be sure about causalities. Anyone who claims this (or cites it as a criticism of an existing view) has not grasped the essence of science. Just as a scientific theory can never claim ultimate truth, observations and data are never ultimate for making final causal connections. However, a causality, or the correctness of a scientific theory, can be assumed true (even if this is not 100% certain), if 1. the effects have been observed in many different, independent studies carried out with various methods, and 2. there exists a probable mechanism or a plausible theory. Both conditions are easily met here: There are tens of thousands of studies on air pollutants and their influence on our health, and the combination of particulate matter or nitrogen oxides and lung inflammation is very plausible (nitrogen dioxide is a corrosive irritant gas). And even if, despite all the studies, this finding should at some point turn out to be wrong (there is always a certain – albeit very small – probability that this will happen, as well as that climate change is actually not caused by humans), until then risk ethics requires attention to be paid to the possibility of very harmful (in the case of climate change even apocalyptic) developments.

A very similar (actually the same) point is the one that the authors cite as the second „argument“: There are many other factors that influence disease frequency and life expectancy. This, too, is quite banal, but can hardly be a suitable ground to refute an existing consensus on the harmfulness of air pollution for our health. In view of what has been said above concerning the first argument, there is no need for any further reply on this point.

Next, the authors discuss thresholds and the question about the exact mechanisms by which air pollution affects the human body („toxicity patterns“). In fact, it is difficult to isolate the effects of nitrogen oxides on our health. There are countless epidemiological studies on this subject, often with thousands of participants and many hundreds of variables and correspondingly complex statistical models. The risk of biases in the studies is reduced as much as possible by researchers excluding the influence of other known factors. Absolute certainty, however, never exists. Nevertheless, the harmful effect of particulate matter is clearly proven, while the uncertainties are somewhat greater for nitrogen oxides. However, it is almost impossible to get to a single threshold value, which summarizes everything and above which concentration of fine dust particles and nitrogen oxides are definitely harmful. But to conclude from this that „all these studies measure a constant disturbance variable (bias)“ is downright insane. With the same reasoning one could say that we do not understand exactly how the increasing CO2 content in the atmosphere affects the global (and local) climate, so we have to conclude that it does not do so at all. Using such an argument to declare the scientific work behind thousands of studies as flawed or even interest driven is deeply deceitful.

However, the authors keep the most outrageous argumentation, ironically listed in the paper as „the strongest argument against the extremely one-sided evaluation of the studies“, for a final climax. Here the smokers are drawn in, who „quasi voluntarily participate in a huge exposure study“. From the well-known fact that smoking shortens life expectancy by about ten years, Köhler and Koch conclude daringly that smokers, who with each cigarette inhale one hundred to 1000 times as much nitrogen oxides and particulate matter, „would all have to die after a few months“. Since they obviously do not do that, the studies must be wrong. That is of course complete nonsense, as experts have already called the authors on that conclusion. It is based on a variation of the very logical error of reasoning that the authors coined towards with such polemical intent in their first argument. For it is of course also true that a lack of correlation in one context cannot be used to infer a lack of causality in another (possibly related) context. Most smokers simply do not smoke for 24 hours and neither do pregnant women, babies and children. In contrast all are inhaling pollution.

Finally, the authors point out that all current information on pollution „essentially comes from the same source“. This is a grossly false statement, in clearer words a plain lie, which comes close to the standards of Donald Trump. Countless independent research studies have contributed to the scientific consensus on this issue that has emerged over many years. By the way, neither of the two authors has ever participated in this research: In his career, Köhler has not published a single peer-reviewed study on nitrogen oxides or on the health hazards of particulate matter in a scientific journal. He published only one article in the non-peer-reviewed “Ärzteblatt”, which is more of an official communication organ of the German chamber of doctors than an accepted science journal. And Koch has is an engineer far away from any medical research.

Instead of presenting their doubts and criticisms in scientific circles and discussing them with experts and thus contributing to a constructive scientific exchange, the authors chose the path via the public. Obviously they are more interested in showmanship, self-affirmation, lobbyism or the spread of ideologies than in „objectifying the discussion“. It is about the biased sowing of doubts about scientific statements, which deliberately creates uncertainty, which can then be politically exploited. On a subject as important as air pollution and the threat to our health, arguing with false facts and lies is, however, not only inappropriate but lacks intellectual integrity. Science is still the most effective method against alternative facts. That is why populists like Köhler and Koch discredit and fight its findings with such vehement words. The fact that they are partly successful is all the worse. An unholy alliance of politicians from the CSU, FDP and AfD as well as the German Federation for Motor Trades and Repairs welcomed their statements swiftly demanding respective legislative changes.

At the latest when the German Minister for Transport and Infrastructure, Andreas Scheuer (CSU), states that the initiative will bring „objectivity and facts into the diesel debate“, civil society will have to stand up and defend itself against the denigration of science by unscrupulous populists. This is also the task of the liberal press, which in some cases frighteningly uncritically reiterated the statements of the critics and thus ensured that this populist polemic against established scientific findings received media attention in the first place. This is ultimately a question of intellectual integrity. And the latter is, after all, the foundation of our open society.

1 Comments


Bernd Ehlert Januar 27, 2019 4:23 pm

Die von den Autofirmen entwickelte Betrugssoftware gaukelt nur vor, die Abgase zu reinigen. Wie es jetzt der geschilderte pseudowissenschaftliche Vorstoß belegt, hat die Autoindustrie aus der Aufdeckung des Abgasskandals überhaupt nichts gelernt, sie machen in der betrügerischen Weise einfach weiter – unterstützt oder zumindest geduldet von der Politik.
Ist das nur ein bedauerlicher Einzelfall einiger böser Menschen, die den eigenen Profit der Gesundheit und dem Wohl der Gemeinschaft vorziehen, oder verbirgt sich hinter diesem Vorfall etwas Grundsätzlicheres, etwas das die Natur des Menschen betrifft und das beim Einsatz neuer Technologien wie künftig etwa der Gentechnologie CRISPR unbedingt berücksichtigt werden sollte?

Ich plädiere dafür, zu versuchen, dieses Fehlverhalten von Menschen nicht allein moralisch wie in der Kirche zu verurteilen und zu bekämpfen, sondern es wissenschaftlich mit einer Theorie zu fassen, um zu den eigentlichen Ursachen und damit auch Lösungen vorzustoßen, und zwar mit der Evolutionstheorie. Der grundlegende Erklärungsansatz des Biologen Edward O. Wilson lautet hier: „Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz“ (Edward O. Wilson, „Die soziale Eroberung der Erde“, München 2013, S. 23).

Besitzt der Mensch ein animalisches Erbe, das als Instinkte in seinen Genen verankert ist, so dass sich etwa der Geschlechtstrieb nicht einfach mit einem Gebot wie in der katholischen Kirche ausschalten lässt, sondern dann eben systematisch zu unzähligen Missbrauchsfällen führt? Wenn der zentrale Instinkt der Gruppenauseinandersetzungen berücksichtigt wird, den Wilson im Kapitel „Stammessysteme als grundlegendes menschliches Merkmal“ seines Buches „Die soziale Eroberung der Erde“ beschreibt, ließen sich damit nicht nur die beiden großen Katastrophen der Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts erklären, sondern auch das, was heute unter Trump als weitere Evolution des Menschen falsch läuft. Es ließe sich darin nicht anderes als die weitere Entwicklung des Menschen als Evolution erklären, wobei Irrwege wie die von Trump von vornherein als solche erkannt und vermieden werden könnten. Und eben auch die missbräuchliche Anwendung alter oder neuer Technologien (wie etwa von CRISPR) ließen sich damit erklären und verhindern.

Das Problem ist allerdings, dass es für viele Menschen nach wie vor nicht zu akzeptieren ist, dass sie von Affen abstammen sollen und dass sie nun auch noch von animalischen Instinkten weiterhin beeinflusst oder gar gesteuert werden sollen. Zudem ist Wilsons Ansatz auch in der Biologie umstritten. So sagt nach Wilsons Abwendung von der von ihm selbst einst begründeten Soziobiologie sein einstiger Mitstreiter und Erfinder des „egoistischen Gens“, der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, über Wilsons Buch („Die soziale Eroberung der Erde“), dass es ein Buch sei, das man „mit Wucht wegschleudern“ sollte. (siehe SPIEGEL-Gespräch mit Edward O. Wilson mit dem Titel „Wir sind ein Schlamassel“, Der SPIEGEL 8-2013)

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