Man muss die Zeitung zuweilen schon sehr genau studieren, um von aufschlussreichen Aussagen von Spitzenmanagern der Wirtschaft zu erfahren, die einem über das Denken der Unternehmensführer zu drängenden Fragen unserer Welt einen weit tieferen Eindruck verschaffen als alle Leitartikel und Kommentare von Journalisten. Oft stolpert man dann über Sätze und Aussagen, die zunächst sehr harmlos klingen und auch keine unmittelbaren Wahrheitsverdrehungen darstellen, bei näherer Betrachtung indes in ihrer Unverfrorenheit und Selbstgerechtigkeit keinen Vergleich zu scheuen haben. So ergab sich für aufmerksame Leser kürzlich die Möglichkeit, Zeuge eines besonders unverhohlenen Beispiels der ethischen Indifferenz eines Unternehmensführers zu werden. In den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen war von einer Aussage des Chefs der hochumstrittenen Rohstofffirma Glencore aus dem beschaulichen Baar im Schweizerischen Kanton Zug die Rede. Auf einer Investorenkonferenz hatte sich Ivan Glasenberg zu den Aussichten seiner Firma, die es an Skandalen und unethischem Verhalten in den letzten Jahren so ziemlich an nichts hat fehlen lassen, geäussert. Korruptionsvorwürfe, Verstösse gegen Umweltauflagen, Ausbeutung von Land und Bevölkerung in Drittwelt-Staaten, umstrittene Geschäfte im Kongo oder in Venezuela, entsprechende Untersuchungen der US-Justiz und kanadischer Behörden, Klagen von Aktionären – die Liste der Vergehen, derer sich Glasbergs Konzern angeklagt sieht, ist unüberschaubar lang. Zugleich setzt Glencore in seinem Geschäftsmodell sehr stark auf die Förderung und den Vertrieb von Kohle, was aufgrund der damit verbundenen Klimaerwärmung sehr umstritten ist. So investiert eine wachsende Zahl von Anlegern und Vermögensverwaltern, die auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein setzen, schon längst nicht mehr in die Aktie von Glencore. Doch Glasenberg hält an seinem Kurs fest. „Ich bin weiter positiv gestimmt für Kohle“, sagt er. Von einem Journalisten auf den unrühmlichen Zusammenhang der Aktivitäten Glencores und möglicher Folgen für unser Klima hingewiesen, antwortet er nur: „Ich bin kein Wissenschaftler und äussere mich nicht zum Klimawandel“.

Man muss sich diesen Satz einmal auf der Zunge zergehen lassen. Denn erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung wird das ganze Ausmass der Unverfrorenheit und des Zynismus eines Managers deutlich, der mit seinen schmutzigen Geschäften zum dutzendfachen Milliardär geworden ist. Dabei hat der Ausdruck „Ich bin kein Wissenschaftler“ einen allgemeineren wenig rühmlichen Hintergrund: Er wird oft von Politikern (insbesondere amerikanischen Republikanern) verwendet, wenn sie nach der globalen Erwärmung gefragt werden (oder auch einem anderen wissenschaftlichen Thema, wie beispielsweise dem Alter der Erde) und was dagegen zu tun ist. Sie rechtfertigen mit dieser (wohl vollends zutreffen) Aussage ihre Skepsis gegenüber dem Klimawandel und entschuldigen damit ihre Unwilligkeit, trotz zunehmender wissenschaftlichen Beweislage entsprechend zu handeln.

Glasenbergs Aussage kann sich innerhalb Glencores allerdings noch auf eine andere unrühmliche Tradition berufen. So verteidigte sich sein Vorgänger und Firmengründer Marc Rich, der in den USA wegen massiver Steuerhinterziehung und dem Hintergehen zahlreicher internationaler Handelsembargos, u.a. durch verbotenen Handel mit dem Iran, dem Apartheit-Regime in Südafrika und Chile unter Pinochet, mit der Aussicht auf Hunderten von Jahren hinter Gittern konfrontiert sah (und dieser Strafe nur entkam, da die Schweiz sich bis zu seinem Tod weigerten, ihn auszuliefern), seinerseits immer wieder mit der Feststellung: „Ich bin Geschäftsmann, kein Politiker“. Rich betonte bis zum Ende seines Lebens, dass es völlig in Ordnung sei, Geschäfte mit korrupten, gewalttätigen und rassistischen Regierungen zu tätigen.

Glasenberg tut nun so, also ob der Klimawandel eine Sache ausschliesslich der Wissenschaft sei und sich niemand anders als die Wissenschaftler darüber Gedanken machen sollte. Man könnte auch von einer kompletten ethischen Indifferenz seinerseits sprechen. Zugleich stellt Glasenbergs Aussage die wohl perfideste Art der Leugnung eines menschenverursachten Klimawandels dar. Sollen die Wissenschaftler doch nur den Klimawandel analysieren und sich dazu äussern. Das ist ihre Angelegenheit. Für das wirtschaftliche Schaffen spielt das keinerlei Rolle. Die braven Manager, die ja nur die Renditen ihrer Aktionäre (und oft die eigenen) optimieren wollen, so wie es gemäss der Textbuch-Ökonomie ja auch ihre Pflicht ist, tragen hier keinerlei Verantwortung.

Dabei haben die Wissenschaftler längst ihren Job gemacht. 99.4% der wissenschaftlichen Publikationen zum Klimawandel stehen ganz klar hinter der Erkenntnis, dass der Klimawandel 1. stattfindet und 2. menschengemacht ist. Diese Auffassung a) ist empirisch bestens validiert, b) bietet eine klare und überzeugende kausale Erklärung, nämlich: CO2 bewirkt einen Treibhauseffekt, und c) sie beruht auf einem verhältnismässig einfachen und leicht erfassbaren Zusammenhang. Das heisst nicht, dass der Zusammenhang zwischen CO2–Ausstoss und Klimaerwärmung die letztendliche, zu 100% zutreffende und ausschliessliche Theorie über die momentane Klimaentwicklung ist. Ein solcher Anspruch würde dem Wesen der Wissenschaft zuwiderlaufen, die qua ihrer Methode immer wieder offen für Korrekturen ihrer Theorien sein muss. Aber es ist eben die Theorie, die am wahrscheinlichsten richtig ist. Was Glasenberg und Co. wissen müssen: Sie sind nun an der Reihe zu handeln. Wer sich darauf beruft, dass die Wissenschaftler zunächst mal zu 100% prüfen sollen, dass der Klimawandel wirklich durch CO2-Ausstoss verursacht wird, bevor man sich selber in der Verantwortung sieht und es bis dahin als völlig legitim ansieht, auf Lasten der Allgemeinheit Profite für die eigenen Taschen zu erzielen, in dem man einen Grossteil der sehr wahrscheinlichen Kosten (Umweltschäden, Klimawandel) externalisiert (d.h. abwälzt), denkt und handelt zutiefst unredlich. Es wird Zeit, dass die Verantwortlichen dies erkennen, und dass, wenn sie dies nicht tun oder tun wollen, sie die Gesellschaft dazu zwingt.

Die Aussage Ivan Glasenbergs ist ein typisches Beispiel dafür, wie schamlos und unbehelligt Unternehmen Kosten externalisieren. Immer wieder wirken sich die wirtschaftlichen Aktivitäten einer Person oder einer Personengruppe (und ihre kommerziellen Gewinne, die sie daraus schöpfen) auf andere, unter Umständen sogar auf alle anderen Menschen aus, ohne dass die handelnden Personen die vollen Kosten dafür tragen müssen. Umwelt zu verpesten oder der klimaschädliche Ausstoss von CO2 kostet auch heute noch wenig bis nichts für den Verursacher, die Kosten trägt die Allgemeinheit. Diesem Grundübel unseres Wirtschaftssystems muss durch politische Massnahmen Abhilfe geschaffen werden. Denn anzunehmen, dass die Wirtschaft dies von alleine tut, ist komplett irrsinnig, wie man am Denken und Handeln von Menschen wie Ivan Glasenberg erkennen kann.


At times, one has to study the newspaper very closely to learn about insightful statements by top business executives providing a deeper insights into what our economic leaders think about pressing questions in our world than any journalist’s editorial or comment. Often one then stumbles over phrases and statements that at first sound rather harmless and do not even present any direct distortions of the truth, but upon closer inspection have to fear no comparison in their insolence and self-righteousness. Attentive readers were recently able to witness a particularly blatant example of the ethical indifference of a corporate leader. In the business section of the daily papers one was able to read about a statement by the CEO of the highly controversial trading and mining company Glencore from the tranquil Baar in the Swiss canton of Zug. At an investor conference, Ivan Glasenberg had commented on the business prospects of his company, which in recent years has by no means been lacking scandals and highly unethical forms of behavior. Allegations of corruption, environmental violations, exploitation of land and population in Third World countries, controversial business in Congo or Venezuela, related investigations by the US Department of Justice and Canadian authorities, lawsuits by shareholders – the list of offenses Glasenberg’s company sees itself accused of appears unmanageably long. At the same time, Glencore’s business model relies heavily on the promotion and distribution of coal, which is highly controversial due to the global warming this causes. A growing number of investors and asset managers committed to sustainability and environmental awareness thus are no longer investing in Glencore’s stock. But Glasenberg sticks to its course. „I am still in favor of coal,“ he says. When told by a journalist about the inglorious context of Glencore’s activities and possible consequences for our climate, he simply answers, „I am not a scientist and I am not talking about climate change.“

One has to reflect on this sentence for a few seconds. For only with a certain time delay, the whole extent of the audacity and cynicism of a manager, which has become a multi-billionaire with his dirty business, becomes clear. At the same time the phrase „I’m not a scientist“ has often been often used by politicians, primarily American Republicans, when asked about global warming (or any other scientific subject like the age of the Earth) and what to do about it, thus justifying their skepticism on climate change and excusing their unwillingness to act despite its increasing scientific evidence.

Glencore Glasenberg’s statement reflects on yet another long dirty tradition within Glencore. His predecessor and company founder Marc Rich, who had been was accused of massive tax evasion and the trailing of numerous international trade embargoes, among others of forbidden trade with Iran, the apartheid regime in South Africa and Chile under Pinochet, thus facing the prospect of hundreds of years behind bars (and escaping this penalty only because Switzerland refused to extradite him until his death), had excused his activities again and again with the statement: „I am a businessman, not a politician“. Until the end of his life Rich stressed that it was perfectly alright to do business with corrupt, violent and racist governments.

Glasenberg now implies that climate change is a sole matter of science and nobody but scientists should deal with it. This reflects the complete ethical indifference on his part. At the same time, Glasenberg’s statement is probably the most perfidious way to deny human-induced climate change. Scientists should analyze climate change and express themselves. That is their business. For any economic activities, this plays no role. Good managers, who only want to optimize returns for their shareholders (and often their own), as according to the economics textbooks it is their duty, do not bear any responsibility in this regard.

However, scientists have long since done their job. 99.4% of scientific publications on climate change stand clearly behind the realization that climate change 1. is actually taking place, and 2. is man-made. This view is a) empirically well-validated b) offers a clear and convincing causal explanation, namely: CO2 causes a greenhouse effect, and c) this is based on a relatively simple and easily comprehensible theory. This does not mean that the relationship between CO2 emissions and global warming is the ultimate, 100% accurate and exclusive explanation of current climate evolution. Such a claim would run counter to the nature of science, which by its very method must always be open to corrections of its theories. But it is the theory that is most likely to be correct. What Glasenberg and others need to know is: It is now their turn to act. The attitude that scientists should first check to 100%, before one considers oneself responsible and before that it is completely legitimate to generate profits for oneself at the most likely expense of the general public by externalizing the costs (environmental damage, climate change, etc.) lacks intellectual as well as ethical integrity. It is time for business leaders to realize this, and if they do not or want to do so, they will have to be forced by society to do so.

Ivan Glasenberg’s statement is a typical example of how shamelessly companies externalize costs. Again and again, the economic activities of one person or group of people (and their commercial profits deriving from them) affect others, and possibly even all other people, without the beneficiaries having to bear the costs. Polluting the environment or the harmful emissions of CO2 continues to cost little to nothing for the polluter, with the costs being borne by the general public. This is one of the fundamental problem of our economic system which must be remedied by political measures. To assume that the economy is taking care of this on its own is completely insane, as one can see in the thinking and acting of people like Ivan Glasenberg.

2 thoughts on “ Von der umweltethischen Indifferenz der Wirtschaftsführer – Das Beispiel Glencore On the eco-ethical indifference of business leaders – The example of Glencore

  1. „Was Glasenberg und Co. wissen müssen: Sie sind nun an der Reihe zu handeln.“
    Nein, so funktioniert die Gesellschaft nicht.

    „Diesem Grundübel unseres Wirtschaftssystems muss durch politische Massnahmen Abhilfe geschaffen werden. Denn anzunehmen, dass die Wirtschaft dies von alleine tut, ist komplett irrsinnig, wie man am Denken und Handeln von Menschen wie Ivan Glasenberg erkennen kann.“
    Jawohl, so funktioniert die Gesellschaft und hier ist der eigentliche Versager zu finden, wie etwa auch am Dieselskandal offensichtlich. Die Politik ist „an der Reihe“, sie muss die Regeln vorgeben.

    Man kann von den Menschen nicht erwarten, dass sie ihre Steuern zahlen, im Straßenverkehr die Geschwindigkeit einhalten, im Sport keine Fouls begehen usw., wenn es dort keine entsprechenden Gesetze und Regeln gibt. Wenn es diese Regeln gibt, werden Verstöße entsprechend geahndet, aber man kann ohne Regeln nicht etwa mit jedem Sportler bei jedem Foul darüber diskutieren, warum es besser ist, keine Fouls mehr zu begehen. Das funktioniert so nicht.

  2. Sehr geehrter Herr Jäger,
    mit allem haben Sie recht, allerdings ist alles gut bekannt. Die Profitmaximierung insbesondere westlicher Prägung kennt nur die Profitmaximierung. Mit ein wenig Glück bekommt man Standards im Arbeitsrecht durchgesetzt (wobei hier schon wieder ordentlich geschliffen wird) oder ein bisschen Umwelt. Umwelt aber nur wenn es per Gesetz kommt. Freiwillig ist eher die Ausnahme. Nur was nun??? Das ist die alles entscheidende Frage. Ich bin da eher negativ eingestellt. Es ist ähnlich wie bei den Panama Papern. Die Enthüllung waren alle kalter Kaffee. Aber schön medial aufbereitet. Und wo stehen wir heute??

    Grüße

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